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Roman Herzog gestorben : Ein Mann der Freiheit und des Rechts

Roman Herzog (1934-2017) Bild: dpa

Der Götz von Berlichingen, dem er sich verbunden fühlte, hätte seine Freude an ihm gehabt. Roman Herzog war ein Mann der Freiheit, des Individualismus und des Rechts.

          Sein Name wird wohl vor allem mit der legendären „Ruck-Rede“ in Verbindung bleiben, die Roman Herzog 1997 in Berlin hielt. Es war die erste „Berliner Rede“, die jeder Bundespräsident seither zu halten hat. Herzog brachte damals die Stimmung im Land auf den Punkt, als Deutschland noch als der „kranke Mann“ durch Europa geisterte. „Was ist los mit unserem Land?“ Herzog gab die Antwort: „Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression – das sind die Stichworte der Krise.“ Und dann folgten die Sätze: „Aber es ist auch noch nicht zu spät. Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

          Mit seiner legendären „Ruck-Rede“ im April 1997 schrieb sich Alt-Bundespräsident Roman Herzog in die deutsche Geschichte ein. Bilderstrecke

          Der Ruck ließ noch etwas auf sich warten, es war das letzte Jahr der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Bemerkenswert war an der Rede, dass sie von einem Repräsentanten der „alten“ Bundesrepublik gehalten wurde, der durch Kohl den Weg in die Politik gefunden hatte. Heute würde man sagen: Da übte jemand Elitenkritik, der selbst zur Elite gehörte und mustergültig Recht, Verwaltung, Politik und Führung dieses Staates studiert und praktiziert hatte.

          Herzog, am 5. April 1934 in Landshut geboren, hätte auch einen ganz anderen Weg einschlagen können. Er hatte eine Vorliebe für Physik, hätte auch Lateinlehrer werden können, wurde dann aber doch Jurist. Schon als er 30 Jahre alt war, 1964, wurde er in München bei Theodor Maunz habilitiert, gehörte seither zu den Kommentatoren des Grundgesetzes. Seine politische Laufbahn begann in gewisser Weise als Rektor der Verwaltungshochschule in Speyer, weil dort Helmut Kohl auf ihn aufmerksam war, der damals, Anfang der siebziger Jahre, junge Wilde um sich scharte. Herzog wurde CDU-Mitglied, begann seine Ochsentour aber nicht in der Partei, sondern als Staatssekretär  im Amt des Bonner Bevollmächtigten des Landes Rheinland-Pfalz – Kohl war Ministerpräsident geworden.

          Herzogs Name ist eng mit dem Helmut Kohls verbunden

          In die politische Arena stieg Herzog aber erst, als Kohl nach Berlin strebte, und zwar in Baden-Württemberg, wo er 1978 zunächst die Nachfolge des konservativen Kultusministers Hahn antrat, zwei Jahre später Innenminister wurde. Er machte sich damals als schwarzer Sheriff einen Namen, eine Haltung, die er kurze Zeit später schon als Verfassungsrichter in Karlsruhe abstreifen musste. In Erinnerung sind Urteile zum Demonstrationsrecht geblieben, die wesentlich liberaler waren als das, was er als Innenminister vorgeschlagen hatte. Seine konservativen Anhänger verlor Herzog spätestens durch das Urteil zum Alteigentum nach der Wende. Mit der Ansicht, dass eine Rückgabe des durch die „Bodenreform“ enteigneten Eigentums nicht in Frage komme, unterstützte er die Linie der Regierung Kohl.

          Mit dessen Namen ist auch die Wahl Herzogs zum Bundespräsidenten im Jahr 1994 verbunden. Kohl war im Versuch gescheitert, nach Richard von Weizsäcker, mit dem ihn nicht mehr allzu viel verband, einen konservativen Kandidaten, Steffen Heitmann aus Sachsen, zu nominieren. Statt seiner trat Herzog gegen Johannes Rau und Hildegard Hamm-Brücher an. Der bodenständige Herzog gab dem Amt nach der intellektuellen Prägung durch Weizsäcker wieder einen etwas volkstümlichen Charakter, stets gebrochen aber durch Selbstironie, barocker Warmherzigkeit und Spott. Der Götz von Berlichingen, dem er sich verbunden fühlte, hätte seine Freude an ihm gehabt.

          Nach seiner Ablösung durch Johannes Rau im Jahr 1999 – Herzog wollte nicht ein zweites Mal kandidieren – zog er sich noch nicht aus dem politischen Leben zurück. In Brüssel leitete er den Konvent, der die EU-Grundrechte-Charta formulierte; gleichzeitig erarbeitete er in der „Herzog-Kommission“ Richtlinien für die Parteienfinanzierung. Eine zweite „Herzog-Kommission“ folgte, nachdem Angela Merkel CDU-Vorsitzende geworden war und jemand brauchte, der die Sozialpolitik der Union neu justierte. Eine ihrer Empfehlungen: die „Kopfpauschale“ im Gesundheitswesen, die Merkel allerdings nicht allzu viel Glück brachte. Herzog trat außerdem 2003 als Mitbegründer des „Konvents für Deutschland“ in Erscheinung, der einlösen sollte, was er sechs Jahre zuvor gefordert hatte: einen Ruck durch Deutschland bewirken.

          Seinen Lebensabend verbrachte Roman Herzog in Jagsthausen, in der Burg der Berlichingens. Herzog war seit seiner Präsidentschaft Schirmherr der dortigen Festspiele und in zweiter Ehe mit Alexandra Freifrau von Berlichingen verheiratet. Am Dienstag ist Roman Herzog im Alter von 82 Jahren gestorben.             

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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