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Zum Tod von Erhard Eppler : Der spät berufene Verantwortungsethiker der SPD

  • -Aktualisiert am

2015 erhielt Erhard Eppler das Ehrenbürgerrecht der Stadt Schwäbisch Hall. Bild: dpa

Helmut Schmidt hatte auf Erhard Eppler das Wort gemünzt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Gerhard Schröder wusste besser mit dem Provokateur umzugehen. Ein Nachruf.

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          Erhard Eppler ist nicht ein Pragmatiker der Macht gewesen. Wenn es um das Schmieden von Bündnissen, um das Organisieren von Mehrheiten und auch um das Gewinnen von Wahlen ging, geriet er an Grenzen, die Konkurrenten und Freunde nicht kannten oder nicht gelten lassen wollten. Seine Funktionen in der EKD-Synode und als Präsident von Kirchentagen waren ihm ebenso wichtig wie seine Parteiarbeit. Eppler war gemeint, als Helmut Schmidt das Wort fand, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen.

          Doch hat Eppler Zeit seines Lebens an sich gearbeitet. In schwierigen Phasen der rot-grünen Bundesregierung hat er – das war fast zwanzig Jahre später – Gerhard Schröder bei Entscheidungen geholfen, die Schmidt wohl nicht anders getroffen hätte. So gesehen ist Eppler vom Gesinnungsethiker zum Verantwortungsethiker geworden.

          Eppler, geboren 1926, entstammte einem protestantisch-liberalen Haushalt; sein Großvater war Pfarrer am Ulmer Münster. Wie auch Johannes Rau aus Wuppertal kam er zu Beginn der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts über Kontakte zum damaligen CDU-Mitglied Gustav Heinemann in dessen Partei-Projekt Gesamtdeutsche Volkspartei und später dann – wie die anderen auch – zur SPD. Jene Gruppe hat die Entwicklung der SPD zu einer auf vielerlei Wurzeln angewiesene Volkspartei mit geprägt.

          Herbert Wehner erfand für ihn die Kennzeichnung  „Pietkong“ 

          Auf dem Godesberger Programm-Parteitag 1959 war Eppler als junger Mann dabei. Ehrlicherweise hat er später einmal gesagt, damals nicht zu den Rednern gehört zu haben. „Wenn ich den Mut gehabt hätte, in die Bütt zu gehen, hätte mir keiner zugehört.“ Und: „Jedenfalls bin ich am Godesberger Programm total unschuldig.“ Zwei Jahre nach „Godesberg“ aber saß er im Bundestag in Bonn. Er wandte sich der Außenpolitik zu.

          Von 1973 bis 1981 war Eppler Landesvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg. Vor der Landtagswahl 1980 kam der damalige Kanzler Helmut Schmidt zu Besuch. Bilderstrecke
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          Für Hans-Jürgen Wischnewski, der gerade als erster das neu geschaffene Amt des SPD-Bundesgeschäftsführers übernommen hatte, rückte Eppler 1968 als Entwicklungshilfeminister in das Kabinett der großen Koalition nach. Er blieb das auch in den Zeiten von Bundeskanzler Willy Brandt von 1969 bis 1974.

          Eppler gehörte zu jenen, die das Konzept der bloßen „Entwicklungshilfe“ um den Aspekt der „wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ erweiterten, die nicht ein verlängerter Arm der Außenpolitik sein sollte. Er tat es aus idealistischen Gründen, weshalb Herbert Wehner für ihn die Kennzeichnung „Pietkong“ erfand. Diese Verbindung von protestantischem Pietismus und kommunistischen Vietkong war ziemlich distanziert gemeint. Als Brandt gegangen war, ging auch Eppler – wegen Helmut Schmidt.

          In jenen Jahren verkörperte Eppler den damals modern gewordenen Begriff von den „Grenzen des Wachstums“. Baskenmütze, hagere Züge, Verzicht übend. Als er sich in Baden-Württemberg der Landespolitik zugewandt hatte, unterstellte ihm – mit propagandistischem Erfolg – die CDU die Forderung, die Zahl der Wurstsorten sei auf fünf zu begrenzen. Eppler schied 1981 aus der Landespolitik aus.

          Das „Berliner Programm“ der SPD von 1989 war sein Werk

          Eppler hat stets viele provoziert. Manchmal war er den Tatsachen, öfters den Stimmungen voraus. Viele Jahre saß er der SPD-Programmkommission vor. Er war einer der ersten in der SPD, die die Nutzung der Kernenergie in Frage stellten. Er wandte sich auch gegen die – von Schmidt betriebene – Nato-Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen.

          Eppler gehörte zu den wenigen sozialdemokratischen Rednern der Großkundgebungen der Friedensbewegung, die von Grünen und DKP-Kommunisten bestimmt waren. Als Schmidt nicht mehr Bundeskanzler war, obsiegte Eppler innerparteilich. Brandts „Enkel“ schufen die Mehrheiten für das, was Eppler programmatisch riet.

          Das „Berliner Programm“ der SPD von 1989 war sein Werk. 1987 hatte er mit dem Ost-Berliner Professor Reinhold ein SPD-SED-Grundlagen-Papier veröffentlicht. Am 17. Juni 1989 – damals noch „Tag der Deutschen Einheit“ – nahm er dann in einer Gedenkrede vor dem Bundestag die innerdeutschen Entwicklungen der folgenden Monate vorweg. Erstmals erhielt er den Beifall von CDU und CSU.

          Vielleicht wäre vieles in der Geschichte der SPD anders verlaufen, wäre Eppler von Schmidt und Wehner so pfleglich behandelt, auch genutzt worden, wie dies Gerhard Schröder tat, als dieser längst nicht mehr ein „Enkel“ Brandts war, sondern sich zum „Enkel“ Schmidts verpuppt hatte. Schröder jedenfalls suchte das Gespräch mit Eppler. Sogar den Bundeswehreinsatz 1999 im Kosovo-Krieg verteidigte Eppler. „Tragisch ist eine Situation, wenn man schuldig wird, ganz gleich, was man tut“, lautete seine Begründung.

          Als die SPD 2003 über Schröders „Agenda 2010“ stritt, half Eppler abermals. „Er war ein starker Reformbefürworter und trug wieder einmal mit einem engagierten Beitrag und der natürlich Autorität seiner Persönlichkeit zum Stimmungsumschwung bei“, notierte Schröder später.

          In Dresden 2009, als ein SPD-Parteitag im Angesicht bitterer Niederlagen des 50. Jahrestages von „Godesberg“ gedachte, hatte sich ein Kreis geschlossen – für die Partei und auch für den Redner Eppler: „Sozialdemokratie hat auf Politik gesetzt seit Ferdinand Lassalle. Es wurde über Politik die Gesellschaft verändert. Deshalb gilt bis heute die SPD als die politischste Partei, was für manche Leute heute ein Mangel ist.“ Nochmals bekam er den Beifall der stehenden Delegierten.

          Am Samstag starb Eppler im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat Schwäbisch Hall.

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