https://www.faz.net/-gpf-vyc6

Nach umstrittener Äußerung : Helmut Kohl nimmt Thierses Entschuldigung an

  • Aktualisiert am

Bild: reuters

Der Altkanzler hat die Entschuldigung des Vizepräsidenten des Bundestages angenommen. In seinen Memoiren äußert sich Kohl erstmals in aller Offenheit zur Krankheit seiner Frau Hannelore und ihrem Tod.

          2 Min.

          Altkanzler Helmut Kohl (CDU) hat die Entschuldigung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) nach dessen Äußerung über ihn und seine Ehefrau Hannelore akzeptiert. Herr Thierse habe sich mit einem Schreiben „bei mir in aller Form entschuldigt“, sagte Kohl am Freitag in Berlin. „Ich nehme diese Entschuldigung an. Zum Vorgang selbst will ich sonst nichts sagen.“

          Im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Vizekanzler Franz Müntefering (SPD), der sich von den politischen Ämtern verabschiedet, um sich um seine schwer erkranke Frau kümmern zu können, war Thierse von der „Leipziger Volkszeitung“ mit den Worten zitiert worden: „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal.“ Dieser Satz hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Hannelore Kohl litt unter schwerer Lichtallergie und hatte sich 2001 das Leben genommen. (Siehe auch: Thierse bedauert umstrittene Äußerung über Kohl)

          Beck: „Nun sollte es gut sein“

          Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck hält die umstrittenen Äußerungen Thierses „in der Wirkung“ für nicht beabsichtigt. „Er hat sich dafür entschuldigt und damit sollte es gut sein“, sagte Beck am Freitag in München.

          Wolfgang Thierse: „Einen Funken von Größe”
          Wolfgang Thierse: „Einen Funken von Größe” : Bild: dpa

          Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte im ZDF: „Ich halte es für glaubhaft, dass Herr Thierse nicht Helmut Kohl in seiner Integrität treffen wollte, tatsächlich hat er eine Grenze überschritten.“ Allerdings habe sich Thierse „glaubhaft entschuldigt“.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuvor der „Bild“-Zeitung gesagt, die Äußerungen Thierses grenzten für sie „an Niedertracht“. Wenn Thierse „noch einen Funken von Größe“ habe, müsse „seinem halben Bedauern umgehend eine wirkliche Entschuldigung folgen“.

          Thierse: „Falscher Eindruck“

          Thierse hatte am Donnerstag zunächst in einem Brief an Kohl und später auch vor diversen Fernsehkameras bedauert, dass die „Darstellung“ seiner Äußerung zu einem „falschen Eindruck“ geführt hätten. Sein Versäumnis sei es gewesen, dass Interview nicht autorisiert zu haben. Tatsächlich habe er weder Kritik an Kohl geübt noch ihm einen Vorwurf gemacht und bedauere, wenn ein solcher Eindruck entstanden sei. „Weil ich den Vorwurf nicht erhoben habe, will ich nachdrücklich um Entschuldigung bitten, wenn bei Helmut Kohl dieser Eindruck entstanden ist.“

          Steinbrück sagte, die Grenze sei die, die den „privaten Teil“ klar von der politischen Auseinandersetzung trenne. Diese Grenze habe Thierse „mit seinen Äußerungen verletzt“. Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte, Thierse habe einen „schweren, schweren Fehler“ gemacht. „Ein Bundestagsvizepräsident, der sich ohne Not über eine private Situation eines Kollegen äußert, hat natürlich wirklich die unterste Stufe dessen erreicht, was man erreichen kann.“

          Thierse sagte in einem Statement vor der Parlamentarischen Gesellschaft: „Wer keinen Fehler macht, der kann den ersten Stein werfen. Mit ist ein Fehler unterlaufen - nicht in dem was ich gesagt habe, sondern dass ich ein Interview nicht autorisiert habe. Das passiert leider. Ich ärgere mich sehr darüber. Aber das kann kein ernsthafter Rücktrittsgrund sein. Und ich hoffe, dass diese Debatte auch nun vorüber ist.“

          Kohls Erinnerungen

          Indes stellte der 77 Jahre alte Kohl In einem Berliner Hotel den dritten Band seiner Memoiren vor: „Erinnerungen 1990 - 1994“. Der Fall der Mauer, die Einheit Deutschlands, die Europäische Währungsunion und sein Verhältnis zu dem damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush sowie dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow bilden den Schwerpunkt in Kohls jüngstem Werk. (Siehe auch: Kohl drohte 1990 in Moskau mit seiner Abreise)

          Erstmals in dieser Ausführlichkeit und mit erkennbarer Sympathie beschreibt Kohl seine Beziehung zu dem früheren Kanzler und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Es sei der Wunsch Brandts gewesen, dass das Kanzleramt nach seinem Tod den Staatsakt ausrichte und auch sein Ableben verkünde.

          „Mein größter Dank geht wieder an Hannelore, die mir als eines ihrer Vermächtnisse hinterließ, meine Memoiren unbedingt zu schreiben und zu vollenden“ - so Kohl in seinem Vorwort zum dritten Band. Erstmals in aller Offenheit äußert sich der Altkanzler darin zur Krankheit seiner Frau und ihrem Tod. Ein vierter Teil - wahrscheinlich bis zur Wahlniederlage und dem Machtwechsel 1998 - wird folgen.

          Weitere Themen

          Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager Video-Seite öffnen

          AfD-Parteitag : Meuthen startet Angriff auf rechtes Lager

          Auf dem AfD-Bundesparteitag hat Parteichef Jörg Meuthen einen Frontalangriff auf das rechte Lager gestartet. In seiner Rede in Kalkar kritisierte er eine zunehmend radikale Wortwahl und warnte vor der Nähe zur Querdenken-Bewegung.

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.