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Alternative für Deutschland : Im Rhythmus der Selbstbeschädigung

Nach seiner Dresdner Rede fiel der thüringische Landesvorsitzende Björn Höcke (rechts) auch bei der Parteivorsitzenden Frauke Petry in Ungnade. Bild: dpa

Erst Bernd Lucke, jetzt Björn Höcke: In der AfD gab es in den vergangenen Jahren etliche Grabenkämpfe. Viele Parteimitglieder sind genervt. Und so bemühen sich die Landesvorsitzenden um Einigkeit – für den Wahlkampf.

          Ein gewisses Gefühl für Rhythmus lässt sich AfD-Mitgliedern nicht absprechen. Immer dann, wenn der politische Terminkalender keinen Wahlkampf vorsieht, in dem die Partei ihren Groll nach außen richten kann, tun sich Abgründe auf. In Parteikreisen kursierte am Montag ein militärisches Bonmot, das diesen Rhythmus der Selbstbeschädigung erklären könnte. Die AfD-Mitglieder seien wie ein stehendes Heer, hieß es da. Wenn kein Krieg sei, fingen sie an zu plündern. Das sollte als Illustration für das Phänomen dienen, dass die Wut der Anhänger schnell in Autoaggression umschlägt, solange sich keine politischen Feinde zum Beschuss anbieten – und warum sich die AfD-Funktionäre seit dem Wochenende wieder um Versöhnung bemühen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          2015 war zum Beispiel so ein Jahr. Das Heer der AfD-Anhänger hatte nur zwei kleine Scharmützel zu bewältigen, die Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen im Frühjahr. Den Rest des Jahres hatten sie frei. Schnell eskalierten die Flügelkämpfe so stark, dass schon im Juli ein Bundesparteitag stattfand, auf dem sich die gemäßigten Anhänger des damaligen Vorsitzenden Bernd Lucke aus der Partei verabschiedeten.

          Wahlkampflose Zeit wird mit Machtproben gefüllt

          Auch 2016 gab es solche Phasen. Im März fanden Wahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz statt. Danach stand im Wahlkalender bis zu den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September nichts. Die fünf Monate der Selbstbeschäftigung hatten eine verheerende Wirkung. Von Mai an verwandelte sich ein Skandal über die antisemitischen Schriften eines AfD-Hinterbänklers in Baden-Württemberg zu einer Machtprobe zwischen den Parteivorsitzenden Frauke Petry und Jörg Meuthen, die den Bundesvorstand in einem Zustand hinterließ, der mit dem Begriff der Plünderung noch vorsichtig umschrieben wäre.

          Auch die gegenwärtigen Querelen um den thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke fielen in eine wahlkampflose Zeit. Als Höcke im Januar seine Dresdner Rede hielt und sich darin abschätzig über Parlamentarismus, Pluralismus und die Erinnerungskultur an den Holocaust äußerte, waren seit den Septemberwahlen schon vier Monate vergangen. Bis zu den größeren Landtagswahlen im Mai in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen und der Bundestagswahl im Herbst war es noch lange hin. Einzig die Wahlen im kleinen Saarland standen im März an. Also begann der Parteikrieg von neuem: Der Bundesvorstand spaltete sich in zwei Lager, die Frage, ob Höcke mit einem Ausschlussverfahren bestraft werden sollte, wurde zur Zerreißprobe. Sogar von Parteispaltung war die Rede.

          Landesvorsitzende formulieren gemeinsamen Appell

          Dem Parteitakt der AfD-Mitglieder folgend stünde nun wieder eine Versöhnung an. Und siehe da: Mehrere Landesvorsitzende berichteten am Freitag in einer Telefonkonferenz von dem Verdruss der Mitglieder. Weder wollten diese die Argumente der Höcke-Gegner hören noch die der Höcke-Befürworter. Sie wollten Ruhe.

          Als der hessische Landesvorsitzende Albrecht Glaser versuchte, abermals die Causa Höcke zu besprechen, machte sich nach Informationen dieser Zeitung Heiterkeit breit in den Telefonleitungen der übrigen Landesvorsitzenden. Sogar so verfeindete Funktionäre wie Marcus Pretzell und Alexander Gauland lachten miteinander. Man einigte sich darauf, dass Gauland, Pretzell und der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Uwe Junge über das Wochenende einen Appell aller Landesvorsitzenden formulieren würden, der die Partei zur Einigkeit aufrief. Dieser wurde am Sonntagabend veröffentlicht. „Wir... rufen alle Mitstreiter dazu auf, den Blick nunmehr nach vorne zu richten, im gemeinsamen Kampf gegen die Altparteien die Reihen zu schließen“, hieß es dort. Unterschrieben hatten ihn alle Landesvorsitzenden, also auch jene, denen keine Eintracht nachgesagt werden kann.

          Sollte die Partei ihren Takt einhalten, dürfte der Streit für einige Zeit nur noch hinter den Kulissen geführt werden. Erst zwischen September 2017 und der Wahl in Niedersachsen im Januar 2018 böte sich wieder ein Zeitfenster für Spaltungen.

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