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Nahles-Rücktritt : Tod durch Giftspritzen

Zwischen der Eifel, der sie sich eng verbunden fühlt, und Berlin, wo ihr beruflicher Lebensmittelpunkt ist, muss die Sozialdemokratin, die zugleich Mutter eines kleinen Mädchens ist, hin und her pendeln. Dass sie offen und öffentlich darüber spricht, wie schwer das für eine Mutter ist, die dabei naturgemäß wichtige Entwicklungen ihres Kindes nicht immer miterleben kann, sagt etwas über das offene Wesen der bekennenden Katholikin Nahles. „Ich bin schon manchmal traurig, dass ich meine Tochter so lange nicht sehe. Tagsüber bin ich abgelenkt, aber abends ist es oft schwierig, da wäre ich lieber zu Hause“, sagte sie.

Andrea Nahles, Jahrgang 1970, ist eine komplexe Persönlichkeit. Als linke Sozialdemokratin stieg sie bei den Jusos auf zur Bundesvorsitzenden. Ihr politischer Ziehvater war Oskar Lafontaine, der noch in den neunziger Jahren Leitfigur der SPD-Linken war. Als Lafontaine sich von der SPD trennte und mit einer Parteineugründung von links zum Angriff blies, trennten sich auch seine Wege und die von Nahles. Sie stieg in der SPD auf, wurde Generalsekretärin und trug immer den Wunsch in sich, eines Tages Vorsitzende zu sein. Ihre Wahlergebnisse auf Parteitagen machten jedoch mehrfach deutlich, dass sie nicht der Liebling aller Genossen war. Rund um die 70 Prozent bei Wahlen auf Parteitagen waren die Regel.

Nahles erlebte aus der Nähe die Vergänglichkeit von Macht in der SPD. Sie beobachtete, wie Lafontaine Mitte der neunziger Jahre den Vorsitzenden Rudolf Scharping vom Thron stürzte. Sie selbst kandidierte viel später gegen den Generalsekretärskandidaten des Vorsitzenden Franz Müntefering, gewann – und verzichtete dann erschrocken auf das Amt, weil Müntefering als Konsequenz den Parteivorsitz hinwarf. Ihre beste Zeit war die in der Bundesregierung, als Arbeitsministerin in der dritten Regierung Merkel. Da erfuhr sie Lob für gute Regierungsarbeit, das selbst bei ihren Kritikern dieser Tage noch durchklingt. Obwohl sie eine Frau der Partei ist, eine echte Genossin, hat sie sich in der SPD nie genügend Unterstützung beschaffen können, um sich ganz oben zu halten.

Die Nachfolge ist kaum vorhersagbar

Doch wer wird demnächst oben stehen in der immer noch mitgliederstärksten Partei Deutschlands? Wie wird es weitergehen in der SPD? Am Abend sollte sich die engere Parteiführung treffen. Das war ohnehin vorgesehen, um die Vorstandssitzung am Montag vorzubereiten. Als kommissarische Parteivorsitzende wurde am Sonntag Malu Dreyer genannt.

Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz ist in der Partei beliebt, sie hat 2016 eine Landtagswahl gewonnen, 36,2 Prozent holte die SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Dreyer damals, die sich gegen die lange favorisierte CDU-Politikerin Julia Klöckner durchsetzte. Solche Ergebnisse kann Dreyer zwar auch zu Hause nicht mehr holen, aber mit rund 20 Prozent lag die SPD in Rheinland-Pfalz immerhin noch über dem Gesamtergebnis. Ob Dreyer allerdings Parteivorsitzende wird, das ist ungewiss. In Frage kämen auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil oder Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz, auch Manuela Schwesig, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, wurden schon solche Ambitionen nachgesagt.

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