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Nahles-Rücktritt : Tod durch Giftspritzen

Es wurde böse gestichelt, selbst Falschmeldung wurden lanciert, sie habe mehrere Probeabstimmungen verloren. Als am vorigen Mittwoch die Fraktion zusammentrat, wurde vereinbart, dass ohne Mitarbeiter getagt werde, damit es zu einer offenen und vertrauensvollen Aussprache kommen könne. Es wird eine turbulente Sitzung. Am Abend konnte man eine Art Sitzungsprotokoll auf einer Nachrichtenseite im Netz lesen. Es war klar, dass es weiter genug Heckenschützen geben würde, um die Vorsitzende waidwund zu schießen.

Eine besondere Rolle spielte dabei „die Rache der alten Männer“, ihrer Vorgänger im Amt. Sigmar Gabriel, den sie von allen wichtigen Posten in der Regierung ferngehalten hatte, giftete gegen sie zuletzt unverhohlen. Am Sonntag spricht er dann von der notwendigen „Entgiftung“ der SPD. Martin Schulz, der gescheiterte Kanzlerkandidat und 100-Prozent-Vorsitzende, arbeitete ebenfalls an ihrem Sturz. Manche sagen, das habe damit zu tun, dass er seine eigene Niederlage noch nicht verkraftet habe.

Auch Feinde hatte sich Nahles gemacht: Den Abgeordneten Florian Post aus München hatte sie im März aus dem Ausschuss für Wirtschaft und Energie abberufen, Post war nun der Anführer derer, die in den vergangenen Tagen frontal gegen sie in Stellung gingen. Während am Sonntag viele Genossen der scheidenden Vorsitzenden Respekt zollten, äußerte sich Post zufrieden: „Offenbar hat Andrea Nahles die Entwicklungen der letzten Tage und Stunden doch noch wahrgenommen und musste zum Schluss kommen, dass dies der einzige Weg ist, den tiefen Riss zu kitten und die Spaltung der Partei nicht noch größer werden zu lassen“, sagte er der F.A.Z.

Nahles hatte klargemacht, dass sie auch als Parteichefin nicht bleiben würde, wenn sie als Fraktionsvorsitzende ginge. Am Sonntag ließ sie über eine Sprecherin bestätigen, dass sie auch ihr Bundestagsmandat niederlegen werde, der Zeitpunkt sei noch unklar. Das würde den Abschied von der Politik bedeuten. Nahles habe keine Lust, als „Hinterbänklerin“ im Bundestag zu sitzen, vielleicht ist Schulz hier ein abschreckendes Beispiel für sie. Einige Genossen hoffen, dass sie ihre Entscheidung noch einmal überdenkt.

Mit Lafontaine als Leitfigur

Manche meinen, Nahles hätte die Abstimmung gewonnen, wenn sie nur die Nerven behalten hätte. Als nervenschwach galt die Sozialdemokratin allerdings nicht. „Haben Sie schon mal daran gedacht, alles hinzuschmeißen?“, wurde Nahles vor sechs Jahren von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gefragt. Die Antwort jener Frau, die damals SPD-Generalsekretärin war, war eindeutig: „Nein, das ist mir noch nicht passiert.“

Nahles hatte den Satz nicht im Zusammenhang mit einer politischen Krisensituation gesprochen, weder einer persönlichen noch einer ihrer Partei. Sie war zu ihrer Leidenschaft für schnelles Autofahren befragt worden, hatte von Fahrten auf der Rennstrecke Nürburgring in der Nähe ihres Eifler Heimatortes geschwärmt, hatte aber auch von weniger spektakulären Fahrten berichtet, die allerdings ihre Kräfte viel mehr beanspruchten.

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