https://www.faz.net/-gpf-9nly0

Nahles-Rücktritt : Tod durch Giftspritzen

Gefragt wäre deshalb das, was einer in der Partei „Frustrationstoleranz“ nennt. Doch die ist nicht da. Stattdessen herrscht weiter die Sehnsucht nach einem Befreiungsschlag. Die hat sich zuletzt in einer heftigen Personaldebatte über die Vorsitzende kanalisiert – ein Spiel mit höchstem Risiko. Am Sonntag ist deshalb der Ruf nach Stabilität der lauteste in der SPD. „Keine Schnellschüsse“ verlangen mehrere Sozialdemokraten, etwa der stellvertretende Parteichef Ralf Stegner. Bestimmt ist dieser Ruf von der Angst, dass die Partei derart ins Trudeln kommen könnte, dass die Koalition in einem chaotischen Prozess zu ihrem Ende kommt. Noch hat der Erosionsprozess die mittlere Funktionärsebene der SPD wohl noch nicht erreicht. Doch für ausgeschlossen halten das selbst erfahrene sozialdemokratische Politiker nicht mehr.

Chaotische Zustände will Merkel vermeiden

Und die Union? Will sie warten, bis die Sozialdemokraten endgültig die Nerven verlieren? Die führenden Unionspolitiker haben seit dem mühsamen Zustandekommen der dritten schwarz-roten Koalition unter der Führung von Angela Merkel nicht auf das vorzeitige Ende dieses Bündnisses hingearbeitet. Erstens hat das einen prinzipiellen Grund. Die CDU – und die CSU nicht minder – regieren seit jeher aus tiefer Überzeugung. Vor jeder inhaltlichen und programmatischen Festlegung steht die Devise: Wir sind dazu da, das Land zu führen. Von der „DNA“ der CDU, in der dieses Verhalten festgelegt sei, sprach kürzlich ein führendes Mitglied der Bundestagsfraktion.

Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Gründe der einzelnen Führungsleute, die bisher eher für die Fortsetzung des wackeligen Bündnisses sprachen, als für frühzeitigen Abbruch. Erstens hat sich nach dem Wechsel an der Parteispitze der Eindruck verfestigt, dass Bundeskanzlerin Merkel noch gern regiert. Sie wirkt befreit vom Ballast des parteipolitischen Kleinkleins, wenn sie etwa – wie vor ein paar Tagen – an der amerikanischen Ostküste eine Rede über die Weltpolitik hält.

Noch etwas kommt hinzu. Merkel würde es zwar niemals öffentlich als Argument für den Fortbestand ihrer letzten Regierung nennen, aber wer sie beobachtet, ahnt zumindest, dass sie gern die Legislaturperiode regulär beenden würde – nicht nur, weil sie chaotische Zustände vermeiden will, sondern auch, weil sie dann die gleiche Amtszeit vorzuweisen hätte wie ihr Entdecker und Mentor Helmut Kohl: 16 Jahre, mehr als Konrad Adenauer und sowieso alle SPD-Kanzler. Gelänge es ihr dann noch, an einen Nachfolger – oder eine Nachfolgerin – mit CDU-Parteibuch zu übergeben, stünde sie zumindest hinsichtlich der Konsolidierung christdemokratischer Macht als die Nummer eins da.

Ihre Nachfolgerin im Parteivorsitz, Annegret Kramp-Karrenbauer, will zweifellos ins Kanzleramt einziehen. Aber sie würde es gern gut vorbereitet tun. Auf geradezu akribische Art und Weise versucht sie seit Monaten, Wissens- und Erfahrungslücken zu schließen, die eine ehemalige saarländische Ministerpräsidentin naturgemäß schließen muss, wenn sie statt einer Million künftig mehr als achtzig Millionen Menschen führen will. Kramp-Karrenbauer und Merkel eint seit dem Wechsel in der Parteiführung im Dezember vorigen Jahres das Wissen, dass sie in der Lage sein müssen, ihre persönlichen Zeitvorstellungen hintanzustellen, sollten die Umstände es erfordern. Ein erodierender Koalitionspartner war immer ein solcher Umstand, in den Augen vieler CDU-Politiker sogar der wahrscheinlichste.

Weitere Themen

G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Topmeldungen

Der Faktor Wohnen wird von den meisten Menschen in der Klimadebatte übersehen. Dabei produzieren vor allem Warmwasser und Heizungen große Kohlendioxid-Emissionen.

Wohnen und Heizen : Das ist Deutschlands Klimakiller Nr. 1

Kaum jemand will wahrhaben, dass wir mit unseren Wohnungen dem Klima mehr schaden als mit Steaks und Flugreisen. Einige Länder reagieren darauf – während sich die Politik in Deutschland nicht einigen kann.

Biarritz : Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

Eine Überraschung für die Teilnehmer: Dschawad Zarif ist in Biarritz eingetroffen. Er werde dort mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian zusammentreffen, teilte das französische Präsidialamt mit.
Taylor Swift möchte ihre ersten sechs Alben eventuell nochmal einspielen.

Streit um Rechte : Taylor Swift und ihr Master-Plan

Taylor Swift kämpft zurzeit mit dem Musikmanager Scooter Braun – denn er hat die Rechte an ihren ersten sechs Alben. Nun überlegt die Sängerin, die Lieder einfach nochmal einzuspielen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.