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Nach Razzien : Salafistenhochburg NRW

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Sven Lau ist ein bekanntes Gesicht der deutschen Salafistenszene. Hier predigte er 2012 auf einer Veranstaltung in Köln. Bild: dpa

Nirgends sonst in Deutschland sind extremistische Salafisten so aktiv wie in Nordrhein-Westfalen. Die Hälfte aller gewaltbereiten Salafisten lebt dort – sie nehmen besonders Minderjährige in den Blick.

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          Nordrhein-Westfalen wird oft und gerne als die „Hochburg des Salafismus“ in Deutschland bezeichnet. Aus dem Bundesland kommt beispielsweise Pierre Vogel. 2011 wollte er in Frankfurt ein öffentliches Totengebet für den von amerikanischen Soldaten getöteten Al Quaida-Anführer Usama Bin Laden veranstalten. Vogel soll in der Nähe von Köln leben, der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen bezeichnet den 38 Jahre alten Ex-Boxer als einen „der einflussreichen Prediger innerhalb der salafistischen Szene“.

          Zusammen mit Sven Lau, einem bärtigen Mann aus Mönchengladbach, der seit Ausbruch des Bürgerkrieges mehrmals nach Syrien reiste und längst im Register des Verfassungsschutz geführt wird, predigte Vogel in einer inzwischen geschlossenen Moschee in Wuppertal. Ab dem 6. September wird Lau wegen Verdachts auf terroristische Aktivitäten der Prozess gemacht.

          Rund 40 Islamistengruppen sind in NRW angesiedelt

          Köln, Mönchengladbach, Wuppertal und nun Duisburg, Düsseldorf und Dortmund: Nirgends versammeln sich mehr Islamisten, radikale Konvertiten und sogenannte „Hassprediger“ wie in Nordrhein-Westfalen. In Deutschland leben etwa 1200 gewaltbereite Salafisten – davon 620 in NRW. In den letzten Jahren observierte der Verfassungsschutz dort zahlreiche Personen und führte mehrere Razzien durch. Rund 40 zum Teil auch überregional verbundene Islamistengruppen sind dort angesiedelt, vor allem im Rheinland und im Ruhrgebiet.

          Erst im Februar hatte es eine ähnlich umfangreiche Razzia gegeben. Hunderte Beamte waren zeitgleich in Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen im Einsatz. Durchsucht wurde unter anderem eine Flüchtlingsunterkunft in Attendorn in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde ein 35 Jahre alter Algerier festgenommen, der in Syrien für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft haben soll.

          Im März war dann Nils D. vom Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er gehörte seinerzeit der „Lohberger Gruppe" in Dinslaken an, die etwa zwei Dutzend Mitglieder hatte. Einige von ihnen reisten nach Syrien, schlossen sich dort dem IS an und beteiligten sich am „Heiligen Krieg". 2013 machte auch D. sich auf nach Syrien.

          Geplanter Mord, Attacken auf Polizisten

          Ebenfalls im Jahr 2013 wurden in Nordrhein-Westfalen vier Personen festgenommen, die einen Mordanschlag auf einen rechten „Pro-NRW“-Politiker geplant haben sollen. Dabei fand die Polizei bei einem der Festgenommenen 600 Gramm Sprengstoff. Im Jahr davor war ein Islamist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er zwei Polizisten am Rande einer Demonstration niedergestochen hatte. Vor Gericht rechtfertigte er seine Tat mit „Glaubensvorschriften“.

          Die bis dato größte bundesweite Aktion gegen Salafisten fand 2012 statt. Damals schlugen die Beatmen in sieben Bundesländern gleichzeitig zu – auch in NRW. In Solingen hat sich eine radikale und gewaltbereite Gruppe im Umfeld des Vereins Millatu Ibrahim zusammengeschlossen.

          Ihre Rekrutierungsarbeit haben die Salafisten bereits ausgeweitet: Unter dem Vorwand, Lebensmittel und Kleidung an die ankommenden Flüchtlinge zu verteilen, laden salafistische Gruppen insbesondere junge Männer zum Gebet ein. Das Landesamt für Verfassungsschutz NRW erklärte vergangenes Jahr, dass ihm Hinweise auf „30 vordergründige Hilfsaktionen salafistischer Gruppierungen" vorlägen.

          Die Zahl der Gewaltbereiten nimmt zu

          Im Sommer 2015 ging die Polizei noch von 320 gewaltbereiten Salafisten aus, 2016 hat sich die Zahl inzwischen auf 600 erhöht. Wie aus Sicherheitskreisen zu erfahren ist, gelten 130 als extrem risikobehaftet. 2700 Salafisten unter 18 Jahren sind inzwischen in NRW. Die Zahl hat sich damit zwischen 2014 und 2016 fast verdoppelt.

          Immer wieder machen die Vertreter der Szene mit Koranverteilaktionen und Anwerbeaktionen auf sich aufmerksam. Was häufig als harmlose Sozialarbeit anfängt, kann auch in die Radikalisierung führen. Das Land Nordrhein-Westfalen hat zuletzt eine Vielzahl von Aussteigerprojekten unterstützt, die Salafisten beim Weg aus der Szene helfen.

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