https://www.faz.net/-gpf-95c3z

F.A.Z. exklusiv : Die Tat und ihre Puzzlestücke

Der Tatort: Kerzen vor dem Drogeriemarkt in Kandel Bild: dpa

Die CDU fordert nach dem Tod eines Mädchens in Kandel ein schärferes Vorgehen und Konsequenzen. Die Grünen wollen bessere Prävention. Es geht auch um die Frage: Neigen minderjährige Flüchtlinge eher zu Gewalttaten?

          Kandel ist kein Ort, an dem schwere Verbrechen zum Alltag gehören. Der Verbandsgemeindebürgermeister Volker Poß (SPD) erinnert sich an einen Überfall auf die Sparkasse. Einige Zeit ist das schon her und der Täter wurde gleich gefasst. Trotzdem war dieser eine Überfall schon etwas Besonderes in dem kleinen Ort mit knapp 10.000 Einwohnern im Landkreis Germersheim. Kreisweit kam es laut der örtlichen Kriminalstatistik im Jahr 2016 zu zwei Straftaten aus dem Bereich Tötungsdelikte. Bei beiden handelte es sich aber um Versuche – und die Aufklärungsquote betrug 100 Prozent. Dass ein 15 Jahre altes Mädchen von ihrem früheren Freund in einem Drogeriemarkt mit einem Brotmesser erstochen wird, das hätten die Menschen in Kandel noch nicht erlebt, sagte Poß nach der Tat FAZ.NET.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Vor allem die Vorgeschichte der Tat führte zu Bestürzung. Das Opfer und der mutmaßliche Täter kannten sich. Noch bis Anfang Dezember waren sie ein Paar gewesen. Sie, Mia V., und er, Abdul Mobin D., besuchten für eine Weile gemeinsam die Integrierte Gesamtschule Kandel. Abdul D. war im April 2016 als sogenannter unbegleiteter minderjähriger Ausländer (Behördliche Abkürzung: Uma) nach Deutschland eingereist und hatte nach seiner Registrierung in Frankfurt zunächst in einer Jugendhilfeeinrichtung in Germersheim gelebt und dann in einer Jugendwohngruppe in Neustadt an der Weinstraße.

          Als die Beziehung Anfang Dezember nach mehreren Monaten endete, soll Abdul D. begonnen haben, Mia V. zu bedrohen, über soziale Netzwerke im Internet, am Telefon und auch persönlich. In der Schule war Abdul D. dadurch aufgefallen, dass er einen Mitschüler wegen einer Beleidigung mit der Faust geschlagen haben soll. Seitdem galt er als polizeibekannt. Mitte Dezember baten die Eltern die Behörden um Hilfe. Sie sorgten sich um die Sicherheit ihrer Tochter und zeigten Abdul D. am 15. Dezember bei der Polizei an, wegen Nötigung, Beleidigung und Bedrohung.

          Am 17. Dezember wurde Abdul D. von Polizeibeamten im Rahmen einer sogenannten Gefährderansprache aufgesucht. Laut Polizei soll er da „eine gewisse Einsicht und ein gewisses Verständnis“ gezeigt haben. Am 22. Dezember erschien Abdul D. nicht zu einer Vorladung wegen der gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Am 27. Dezember dann händigten Polizeibeamte ihm abermals eine Vorladung aus. Wenige Stunden später traf Abdul D. seine frühere Freundin in Kandel – zufällig, wie die Polizei bisher annimmt. Der Jugendliche trug allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits ein Brotmesser mit einer zwanzig Zentimeter langen Klinge bei sich. Er folgte Mia V. in einen Drogeriemarkt und stach dort mehrfach auf sie ein. Das Mädchen starb wenig später im Krankenhaus.

          Der Fall enthält viele Zutaten für eine bundesweite Debatte. Politiker aller Couleur meldeten sich zu Wort. Der Flüchtlingsstatus des mutmaßlichen Täters etwa veranlasste den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland dieser Zeitung zu sagen: „Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Behörden nichts unter Kontrolle haben. Die katastrophale Kombination aus offenen Grenzen und Behördenversagen ist tödlich für unsere Gesellschaft.“ Dem standen mahnende Worte gegenüber – etwa von Bürgermeister Poß. Der rief zu Zurückhaltung und Sachlichkeit auf. Es gehe auch um die Frage, ob es zu Versäumnissen gekommen sei. „Ich denke, da sich vorschnell ein Urteil erlauben zu wollen, ist total fehl am Platze. Da sollten all die Dinge in den nächsten Tagen und Wochen abgewartet werden“, sagte Poß. Das Integrationsministerium in Rheinland-Pfalz teilte am Freitag mit, man berate mit anderen Ministerien über den Stand der Ermittlungen. Danach will die Landesregierung entscheiden, „welche Konsequenzen unter Umständen aus diesen Erkenntnissen zu ziehen sind“.

          Ähnlich argumentierten am Freitag viele Bundespolitiker. Es gelte, zunächst die Sachlage zu klären, hieß es. Die CDU-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz und stellvertretende Bundesvorsitzende, Julia Klöckner, etwa sagte dieser Zeitung am Freitag, sie denke „zuallererst an die Angehörigen des getöteten Mädchens“. Sie vertraue zudem der Justiz, die Hintergründe der Tat aufzuarbeiten. „Sollten sich aus diesem Fall Anhaltspunkte für weitere Konsequenzen ergeben, erwarten wir, dass diese zeitnah umgesetzt werden.“

          Högl: Ernsthafte Prüfung einer Abschiebung

          Auch die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Eva Högl sagte, es sei zunächst wichtig, alle Umstände der Tat zu ermitteln. Der Täter müsse verurteilt werden und seine Strafe in Deutschland verbüßen. „Danach sollte ernsthaft geprüft werden, ob eine Abschiebung möglich ist. Es ist absolut klar und gesetzlich geregelt, dass Straftäter und Gefährder abgeschoben werden können und unter welchen Voraussetzungen sie ihren Anspruch auf Schutz und Aufenthalt in Deutschland verwirken“, sagte Högl dieser Zeitung. Der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung Georg Streiter hingegen teilte am Freitag mit, die Bundesregierung nehme zu dem Fall gar nicht Stellung. Auf die Frage, warum, erwiderte er, er wolle das nicht begründen.

          Vereinzelt wurden aber auch am Freitag schon erste Veränderungen im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gefordert. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Stephan Mayer, etwa forderte ein schärferes Vorgehen. „Bei minderjährigen Ausländern, die schwere Straftaten begehen, muss die Vollstreckung schneller in geschlossene Einrichtungen vorgenommen werden“, sagte Mayer dieser Zeitung. „Bei Erreichen der Volljährigkeit muss dann die Abschiebung erfolgen. Darüber hinaus bin ich der Auffassung, dass wir bei der Frage der Feststellung des Alters von minderjährigen unbegleiteten Jugendlichen eine einheitliche Vorgehensweise aller Bundesländer benötigen. Es gibt auch sehr gute Gründe dafür, dass wir – wie viele andere EU-Länder – eine verpflichtende medizinische Feststellung des Alters von angeblich minderjährigen Jugendlichen vornehmen.“ Auch der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz sprach von Konsequenzen, sowohl für den Täter als auch in der Prävention: „Der Täter wird zur Rechenschaft gezogen werden und muss sich für seine Tat allen rechtlichen Konsequenzen stellen“, sagte von Notz dieser Zeitung. „Grundsätzlich ist es auf jeden Fall wichtig, die unbegleiteten Minderjährigen stärker in den Blick zu nehmen. Wir fordern schon seit langem, dass gewaltpräventive Maßnahmen massiv ausgebaut und verbessert werden.“

          Kinder und Jugendliche nur selten Opfer - noch seltener Täter

          Die Frage, ob von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ein höheres Gewaltpotential als von gleichaltrigen Deutschen ausgeht, ist anhand der Kriminalitätsstatistiken nicht leicht zu beantworten. Im Allgemeinen hat der Zuzug von Flüchtlingen und Migranten insgesamt zu einem leichten Anstieg der Kriminalität geführt. Die Mehrheit der Tötungsdelikte unter Flüchtlingen richtet sich dabei gegen andere Flüchtlinge. Laut dem Bundeskriminalamt wurden 2016 in 91 Prozent der Fälle andere Zuwanderer zu Opfern, Tatort waren in den meisten Fällen Flüchtlingsheime. In den restlichen neun Prozent der Fälle wurden Personen mit deutschem Pass getötet.

          Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, dass Kinder und Jugendliche nur selten Opfer vollendeter Tötungsdelikte werden – und noch seltener selbst zu Tätern. 2016 wurden 92 Kinder und Jugendliche getötet. Demgegenüber standen Minderjährige 26 Mal wegen Tötungsdelikten unter Verdacht. Bei rund der Hälfte aller Tötungsdelikte kennen sich Täter und Opfer, weil sie verwandt oder nähere Bekannte sind. Insgesamt ist die Jugendgewalt in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Um 44 Prozent ist der Wert insgesamt gesunken, berücksichtigt man nur Personen mit deutschem Pass, ist der Wert um gut 50 Prozent gesunken.

          „Keine Bremse in der Krise"

          Der zuständige Polizeipräsident von Kaiserslautern, Eberhard Weber, spricht bei dem Fall in Kandel von einer „Beziehungstat“. Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht in der beendeten Liebesbeziehung einen möglichen Auslöser. „In einer solchen Ausnahmesituation können die Erlebnisse und Traumatisierungen von Flüchtlingen zum Vorschein kommen“, sagte Pfeiffer dieser Zeitung am Freitag. Häufig fehle eine psychologische Aufarbeitung von Erlebtem aus Krieg und Flucht. Ob Abdul D. in besonderem Maße traumatisiert war oder einer Therapie unterzogen wurde, ist bislang unbekannt. Eine besondere Rolle könnte spielen, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge über kein soziales Netzwerk verfügen. „Wenn ein Täter isoliert ist, keine Familie hat oder echte Bezugspersonen, gibt es auch keinen, der ihn in einer solchen Krise bremsen oder ihm helfen kann“, sagte Pfeiffer.

          Im Jahr 2016 Jahren über 63.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen Asylantrag in der EU gestellt. 38 Prozent, die größte Gruppe unter den Herkunftsländern, stammen aus Afghanistan, 19 Prozent aus Syrien. Knapp 70 Prozent zwischen 16 und 17 Jahre alt und zu knapp 90 Prozent männlich. 57 Prozent stellten den Asylantrag in Deutschland. In Deutschland halten sich nach verschiedenen Schätzungen etwa 60.000 unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge auf. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Integrationsministeriums leben in dem Bundesland 2720 unbegleitete Minderjährige, die in der Obhut der zuständigen Jugendämter sind. Immer wieder wurde in verschiedenen Fällen Kritik an der Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen geäußert. Mangelnde Betreuung sieht auch der Kriminologe Pfeiffer als grundsätzliches Problem, das Gewaltkriminalität begünstigen könnte. In der Vergangenheit wurde Fälle bekannt, in denen Volljährige ihr tatsächliches Alter verheimlicht hatten, um als Jugendliche behandelt zu werden. Auch Abdul D. steht in diesem Verdacht. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, keinen Zweifel an seiner Strafmündigkeit zu haben. Zudem soll sein angebliches Alter von 15 Jahren in der Haft überprüft werden.

          Weitere Themen

          Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus Video-Seite öffnen

          Künftige Justizministerin : Lambrecht warnt vor Rechtsextremismus

          Der „unfassbare Mord“ an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zeige, dass die Verteidigung des Rechtsstaates aktueller denn je sei, sagte die SPD-Politikerin Christine Lambrecht, die von der Parteiführung als kommende Justizministerin vorgestellt wurde.

          Der Kampf gegen die Braunkohle Video-Seite öffnen

          Aktivisten von „Ende Gelände“ : Der Kampf gegen die Braunkohle

          Im rheinischen Braunkohlerevier stehen die Zeichen dieser Tage auf Protest. Aktivisten der Initiative „Ende Gelände“ haben zu verschiedenen Protestaktionen aufgerufen. Nun hat sich auch die Schülerbewegung „Fridays for Future“ mit „Ende Gelände“ solidarisiert.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Die Runde bei Maischberger

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Merkel for Future?

          Ist Friedrich Merz der lachende Dritte in der Frage um die Kanzlerkandidatur? In der Runde um Sandra Maischberger konnte er seine Ansichten zum Umgang mit der AfD jedenfalls schon einmal kundtun. Daneben wurden unter anderem der Klimawandel und der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke diskutiert.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.