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F.A.Z. exklusiv : Die Tat und ihre Puzzlestücke

Die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, dass Kinder und Jugendliche nur selten Opfer vollendeter Tötungsdelikte werden – und noch seltener selbst zu Tätern. 2016 wurden 92 Kinder und Jugendliche getötet. Demgegenüber standen Minderjährige 26 Mal wegen Tötungsdelikten unter Verdacht. Bei rund der Hälfte aller Tötungsdelikte kennen sich Täter und Opfer, weil sie verwandt oder nähere Bekannte sind. Insgesamt ist die Jugendgewalt in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Um 44 Prozent ist der Wert insgesamt gesunken, berücksichtigt man nur Personen mit deutschem Pass, ist der Wert um gut 50 Prozent gesunken.

„Keine Bremse in der Krise"

Der zuständige Polizeipräsident von Kaiserslautern, Eberhard Weber, spricht bei dem Fall in Kandel von einer „Beziehungstat“. Auch der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht in der beendeten Liebesbeziehung einen möglichen Auslöser. „In einer solchen Ausnahmesituation können die Erlebnisse und Traumatisierungen von Flüchtlingen zum Vorschein kommen“, sagte Pfeiffer dieser Zeitung am Freitag. Häufig fehle eine psychologische Aufarbeitung von Erlebtem aus Krieg und Flucht. Ob Abdul D. in besonderem Maße traumatisiert war oder einer Therapie unterzogen wurde, ist bislang unbekannt. Eine besondere Rolle könnte spielen, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge über kein soziales Netzwerk verfügen. „Wenn ein Täter isoliert ist, keine Familie hat oder echte Bezugspersonen, gibt es auch keinen, der ihn in einer solchen Krise bremsen oder ihm helfen kann“, sagte Pfeiffer.

Im Jahr 2016 Jahren über 63.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen Asylantrag in der EU gestellt. 38 Prozent, die größte Gruppe unter den Herkunftsländern, stammen aus Afghanistan, 19 Prozent aus Syrien. Knapp 70 Prozent zwischen 16 und 17 Jahre alt und zu knapp 90 Prozent männlich. 57 Prozent stellten den Asylantrag in Deutschland. In Deutschland halten sich nach verschiedenen Schätzungen etwa 60.000 unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge auf. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Integrationsministeriums leben in dem Bundesland 2720 unbegleitete Minderjährige, die in der Obhut der zuständigen Jugendämter sind. Immer wieder wurde in verschiedenen Fällen Kritik an der Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen geäußert. Mangelnde Betreuung sieht auch der Kriminologe Pfeiffer als grundsätzliches Problem, das Gewaltkriminalität begünstigen könnte. In der Vergangenheit wurde Fälle bekannt, in denen Volljährige ihr tatsächliches Alter verheimlicht hatten, um als Jugendliche behandelt zu werden. Auch Abdul D. steht in diesem Verdacht. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, keinen Zweifel an seiner Strafmündigkeit zu haben. Zudem soll sein angebliches Alter von 15 Jahren in der Haft überprüft werden.

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