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Nach Messerattacke in Chemnitz : Ein langsamer Prozess mit vielen Fragen

  • -Aktualisiert am

Prozessauftakt: Der Asylbewerber Alaa S. muss sich wegen Totschlags verantworten. Bild: EPA

Zum Prozessauftakt schweigt der Angeklagte Syrer Alaa S. zum Vorwurf, den Chemnitzer Daniel H. getötet zu haben. Weil Alaa S. ein Flüchtling ist, verlangen seine Verteidiger vom Gericht politische Unbefangenheitserklärungen.

          Als der Angeklagte den Saal betritt und ihm die Handschellen abgenommen werden, schaut er nur kurz zu den Zuschauern, die hinter einer Glaswand sitzen. In der letzten Reihe haben acht seiner Bekannten Platz genommen. Die jungen Männer, meist ebenfalls Asylbewerber aus Chemnitz, verfolgen am Montag aufmerksam den Beginn der Verhandlung gegen Alaa S., mit der die gerichtliche Aufarbeitung der Ereignisse in Chemnitz vom Spätsommer vergangenen Jahres beginnt. Auch einige ältere Männer aus Chemnitz sitzen in den Zuschauerreihen, beide Seiten sprechen an diesem Tag nicht miteinander. Die Aufklärung, was sich am 26. August nach drei Uhr morgens im Chemnitzer Zentrum zugetragen hat, ist alles andere als einfach. Bis heute wissen die Ermittler nicht, wie es zum Streit zwischen mehreren Asylbewerbern und dem kurz darauf tödlich verletzten Daniel H. kam, dessen Folgen weltweit Schlagzeilen machten und die Bundesregierung in eine Krise stürzten.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Staatsanwaltschaft Chemnitz geht davon aus, dass der Angeklagte gemeinsam mit einem weiteren – aus dem Irak stammenden – Tatverdächtigen in jener Nacht nach dem Stadtfest im Streit mehrfach mit einem Messer auf den 35 Jahre alten Daniel H. eingestochen und ihn damit tödlich sowie einen weiteren Mann lebensgefährlich verletzt hat. H. sei nach Herz- und Lungendurchstich verstorben, erklärt der Staatsanwalt, der in nur wenige Minuten die Anklage verliest. Der zweite Geschädigte, Dimitri M., habe einen drei bis vier Zentimeter tiefen Messerstich in den Rücken abbekommen, woraufhin er drei Tage im Krankenhaus verbrachte und drei Wochen arbeitsunfähig gewesen sei. Alaa S. habe sich gemeinschaftlich des Totschlags, versuchten Totschlags sowie der Körperverletzung schuldig gemacht. Der Angeklagte, der akkurat gekleidet mit weißem Hemd und hellem Sakko zwischen seinen Verteidigern und dem Dolmetscher sitzt, verfolgt den Beginn aufmerksam, äußert sich zunächst aber weder zum Sachverhalt noch ausführlich zu seiner Person, sondern macht nur die Pflichtangaben: Geboren 1995, ledig, syrische Staatsbürgerschaft.

          Seine Verteidiger halten die Anklage für unbrauchbar, sie sei vielmehr politisch motiviert. Was die Ermittler zutage gefördert hätten, sei „vage, eventuell und bewegt sich im Ungefähren“, erklären sie in einem beinahe schon einem Schlussplädoyer gleichenden Vortrag. Es mangele an Beweisen, für eine Verurteilung bedürfe es jedoch der Substanz, „die für uns aktuell nicht ersichtlich“ sei. „Unser Mandant ist unschuldig“, schließen sie und fordern, das Verfahren einzustellen sowie den Haftbefehl gegen Alaa S. aufzuheben. Dazu kommt es nicht, der Staatsanwalt weist die Vorwürfe als „konstruiert und unseriös“ zurück, auch sei der Haftbefehl erst vor 14 Tagen abermals gerichtlich bestätigt worden. Die Atmosphäre ist angespannt, auch weil dies eben kein normaler Strafprozess ist, sondern die auf die Tat folgenden rechtsextremen Krawalle, die Demonstrationen von AfD und Pegida und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung quasi im Hintergrund mitverhandelt werden.

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