https://www.faz.net/-gpf-9g0d1

Nach Merkel-Rückzug : Seehofer und die Kunst der Niederlage

Ganz woanders: Horst Seehofer besuchte am Montag ein Ankerzentrum im Saarland. Bild: dpa

Nach der Ankündigung Angela Merkels richten sich die Augen auf Horst Seehofer – wird er ihrem Beispiel folgen und in naher Zukunft abtreten?

          Wilfried Scharnagl, langjähriger Chefredakteur der CSU-Zeitung „Bayernkurier“, hat noch an Zeichen und Wunder geglaubt. Wie zum Beweis, dass er damit richtig lag, starb er, kurz nachdem seine CSU in der Landtagswahl eine herbe Niederlage erlitten hatte.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Am Montag findet der Trauergottesdienst in der Münchner Kirche St. Ludwig statt – und wieder kreuzt das Schicksal der Republik den Lauf Scharnagls. Kurz nachdem öffentlich geworden ist, dass Angela Merkel nicht mehr für den CDU-Vorsitz kandidiert, und nachdem das „Großer Gott, wir loben dich“ verklungen ist, sprechen in der Kirche Edmund Stoiber, der CSU-Ehrenvorsitzende und langjährige Wegbegleiter Scharnagls, Markus Söder, der Ministerpräsident, sowie Peter Gauweiler, der enge Freund. Bemerkenswert ist, dass Stoiber wie Söder Scharnagl als einen Mann würdigen, der in sich selbst die „Bandbreite“ verkörpert hat, die der CSU zuletzt als ganzer Partei zu fehlen schien. Die ergreifendste Rede hält Gauweiler. Er erzählt, wie vor ein paar Jahren Scharnagl, das Alter Ego von Franz Josef Strauß, in Moskau von Egon Bahr, dem engsten Wegbegleiter Willy Brandts, damals schon 90 Jahre alt, in einer Rede gerühmt wurde. „Auch so geht Demokratie in Deutschland“, sagt Gauweiler.

          Seehofer weder beim Gottesdienst noch Empfang anwesend

          Im Anschluss an den Gottesdienst findet ein Empfang statt. Auf der Einladungskarte hat es geheißen: „Der Vorsitzende der Christlich-Sozialen Union, Bundesminister Horst Seehofer“ bitte dazu. Doch Seehofer ist nicht da. Weder beim Gottesdienst noch beim Empfang. Stoiber hat der Trauergemeinde von einer „Unabkömmlichkeit“ des Parteichefs berichtet. Was an diesem Tag, fragte sich mancher, kann so wichtig sein, dass Seehofer dem Mann, der mit der Partei gelebt und gelitten hat wie kaum ein anderer und der bis zuletzt nichts auf ihren Vorsitzenden kommen ließ, nicht die letzte Ehre erweisen kann? Seehofer ist im Saarland. Er besichtigt dort ein Ankerzentrum, das seit Ende September in Betrieb ist. Der Besuch war eigentlich schon für Mitte September geplant, wurde aber verschoben, ausgerechnet auf den Tag nach der Hessen-Wahl.

          Den neuen Termin habe man nun nicht noch einmal verschieben wollen, heißt es im Bundesinnenministerium. Und dann kündigt Merkel in Berlin ihren Rückzug aus der Politik an. „Es ist schade. Ich sage ausdrücklich: Es ist schade“, sagt Seehofer dazu. „Wir haben uns manche Diskussionen geleistet, aber es war immer eine vertrauensvolle, vom gegenseitigen Respekt getragene Zusammenarbeit. Und insofern finde ich es schade, dass nun diese Zäsur stattfinden soll.“ Wird es noch eine Zäsur geben? Im Bayerischen Rundfunk erklärte Seehofer noch am Montag, er wolle spätestens bis Mitte November seine Vorschläge zur inhaltlichen, strategischen und personellen Zukunft der CSU vorstellen. „Ich denke, das wird Ende nächster, allerspätestens übernächste Woche erfolgen“, sagte Seehofer. Die am Tag nach der Bayern-Wahl im CSU-Vorstand beschlossene Aufarbeitung werde nicht auf den „Sankt-Nimmerleinstag“ verschoben. Wie die Lösung auch für ihn persönlich aussehen könnte, ließ Seehofer offen.

          Nach der Bayern-Wahl hat Seehofer auf die Frage nach einem möglichen Rückzug vom CSU-Parteivorsitz gesagt: „Es kann sein, es kann nicht sein.“ Wie lange er die Arbeit noch aushalte? „Länger“, sagte Seehofer und fügte an: „Länger bedeutet dauerhaft.“ Ein paar Tage später sprach er davon, dass er „einen Watschnbaum“ nicht noch einmal mache. Manche CSU-Politiker sehen darin die Bereitschaft, sein Amt als Parteivorsitzender tatsächlich zur Verfügung zu stellen. Doch das muss nichts heißen. Dreimal schon hat Seehofer seit der Bundestagswahl seinen Rückzug vom CSU-Vorsitz angeboten oder zumindest angetäuscht, ohne Folgen.

          Weitere Themen

          Iran veröffentlicht Kaperung des Tankers Video-Seite öffnen

          London droht mit Sanktionen : Iran veröffentlicht Kaperung des Tankers

          Iran hatte den Tanker beschlagnahmt, weil er in einen Unfall mit einem Fischerboot verwickelt gewesen sein soll und dessen Notruf ignoriert habe. Großbritannien beklagt einen Verstoß gegen das Völkerrecht – und droht mit Konsequenzen.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Erstes Zeitungsinterview : AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          In ihrem ersten Zeitungsinterview als Verteidigungsministerin spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über ihr Verhältnis zum Militär, über das Vermächtnis der Männer des 20. Juli und über den Lieblingspulli ihrer Teenagerzeit. Auch in kritischen Zeiten werde die Truppe ihr Vertrauen genießen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.