https://www.faz.net/-gpf-acdmx

Nach Marx’ Rücktrittsgesuch : Die Kirche am Wendepunkt?

Wollte zeigen, dass er Verantwortung übernimmt: Reinhard Kardinal Marx am Freitag in München Bild: AFP

Reinhard Marx geht mit der Heuchelei von seinesgleichen hart ins Gericht: Nach der Unheilsgeschichte von sexueller Gewalt und Vertuschung darf es kein Zurück geben. Doch wie der Kirche ein Neuanfang gelingen kann, ist offen.

          1 Min.

          Ist das nun der Wendepunkt in der katholischen Kirche im Umgang mit persönlichen Verstrickungen vieler vormaliger und aktueller Amtsträger in eine schier endlose Unheilsgeschichte von sexueller Gewalt und Vertuschung? Fast zwei Jahrzehnte stand Reinhard Marx an der Spitze der Diözesen Trier und München. Sechs Jahre war er Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ebenso lange führte er als Präsident die Kommission der Bischofskonferenzen der EU.

          Mehr noch: Papst Franziskus berief ihn vor acht Jahren in den Kreis seiner engsten Berater. Dieser Mann, der machtvolle Ämter sammelte wie andere Jagdtrophäen, verzichtet nun auf das Amt des Erzbischofs von München und Freising. In seiner Person, so muss Marxens Brief an den Papst gelesen werden, verschränkten sich individuelles Scheitern und kollektives Unvermögen in emblematischer Weise.

          Der „Synodale Weg“ ist zu Theologengezänk verkommen

          Kein Papst, kein Kardinal, kein Bischof weltweit hat die Verstrickungen auch der heutigen Amtsträger in die institutionellen Pathologien der Kirche derart schonungslos offengelegt wie Marx. Damit könnte in der Tat ein Wendepunkt markiert sein. Denn anstatt sich wie sein Kölner Gegenspieler Rainer Maria Woelki durch versierte Strafverteidiger von jeder Verantwortung freisprechen zu lassen, geht Marx mit der Heuchelei von seinesgleichen hart ins Gericht.

          Da darf es kein Zurück geben, nicht in Deutschland, nicht in Europa, nirgendwo auf der Welt. Was das in letzter Konsequenz bedeuten kann, haben bislang aber nur die Bischöfe in Chile praktiziert: Sie haben 2018 ihre Ämter kollektiv zur Verfügung gestellt.

          In Deutschland fragt man sich, wie ein Neuanfang hierzulande beschaffen sein müsste. Seit Jahren gleicht die Suche nach halbwegs fähigen Kandidaten für ein Bischofsamt der sprichwörtlichen Suche nach der Stecknadel in einem Heuhaufen, und der Reformprozess „Synodaler Weg“ ist längst zu Theologengezänk verkommen. Doch vielleicht braucht es einen Bruch mit der Vergangenheit in Gestalt einer Kirche, die nicht die Kraft gefunden hat, den Weg der Wahrheit und damit auch der Versöhnung zu beschreiten.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Weitere Themen

          „Juneteenth“ zum Gedenken an das Ende der Sklaverei Video-Seite öffnen

          Amerikanischer Feiertag : „Juneteenth“ zum Gedenken an das Ende der Sklaverei

          In Amerika ist der 19. Juni, an dem unter dem Namen „Juneteenth“ an das Ende der Sklaverei erinnert wird, fortan ein nationaler Feiertag. Der amerikanische Präsident Joe Biden unterzeichnete im Weißen Haus ein entsprechendes Gesetz, das vom Kongress mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden war.

          „Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung“

          Weltkriegs-Gedenken : „Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung“

          In Berlin erinnert Bundespräsident Steinmeier an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. Deutschland müsse sich die Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs im Osten Europas ins Gedächtnis rufen, sagt er. Dabei zählt Steinmeier Orte auf, die für die „deutsche Barbarei“ stehen.

          Topmeldungen

          Soldaten der Roten Armee ergeben sich im Jahr 1941 während des Russlandfeldzugs.

          Weltkriegs-Gedenken : „Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung“

          In Berlin erinnert Bundespräsident Steinmeier an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. Deutschland müsse sich die Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs im Osten Europas ins Gedächtnis rufen, sagt er. Dabei zählt Steinmeier Orte auf, die für die „deutsche Barbarei“ stehen.
          Mette Frederiksen, die Ministerpräsidentin von Dänemark, verkündet mit Vorsitzenden der Parteien einen Wiedereröffnungsplan nach dem Corona-Lockdown

          Dänische Sozialdemokratie : Dänemark zuerst bedeutet Europa zuletzt

          Begriffe wie „internationale Verpflichtungen“, „Konventionen“ und „Menschenrechte“ sind von vornherein negativ besetzt: Vom unheimlichen Schmusekurs der dänischen Sozialdemokratie mit rechtspopulistischen Wählern.
          Dafür benötigt man keine Zauberei: Für die Herzdruckmassage braucht es nur zwei Hände.

          Herzdruckmassage : „Das lässt sich innerhalb einer Minute lernen“

          Der Fall Christian Eriksen hat für Entsetzen gesorgt. In Deutschland erleiden täglich mehr als 200 Menschen einen Herzstillstand. Im Interview erklärt Intensivmediziner Bernd Böttiger, was bei einer Reanimation zu beachten ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.