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Nach den Krawallen in Bautzen : „Jugendliche sollen sich ein bisschen wie Heilige benehmen“

  • -Aktualisiert am

Polizeibeamte auf dem Bautzener Kornmarkt: Der Polizeipräsident setzt weiterhin auf „hohe Präsenz“ der Beamten. Bild: dpa

30 Ermittlungsverfahren sind eingeleitet, der Hergang ist noch immer nicht ganz klar. Der Bürgermeister von Bautzen ruft die Flüchtlinge dazu auf, sich nicht mehr provozieren zu lassen. Derweil gibt es einen weiteren fremdenfeindlichen Vorfall.

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          Nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen etwa 20 jugendlichen Asylbewerbern und 80 größtenteils rechtsextremen Deutschen in Bautzen hat die Polizei bisher 30 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Anschuldigungen reichten von Beleidigung über Körperverletzung bis hin zu Landfriedensbruch, sagte der zuständige Polizeipräsident Conny Stiehl am Mittwochabend nach einem Treffen zwischen Verantwortlichen von Stadt, Land und Landkreis in Bautzen. Die Ermittlungen richteten sich sowohl gegen Personen des rechten und linken politischen Spektrums, als auch gegen Asylbewerber.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Stiehl versprach, dass die Polizei weiterhin „hohe Präsenz“ in der Stadt zeigen werde. Zugleich verlängerten die Behörden den Kontrollbereich rund um den Kornmarkt bis zum 3. Oktober. Dort hatten vor einer Woche die Krawalle begonnen. Ein Vertreter des sächsischen Innenministeriums erklärte, dass die Kriminalität in Bautzen in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen sei, allerdings hätten Drogendelikte und rechtsextreme Gewalt zugenommen.

          Das hat sich auch am Mittwoch gezeigt. Gut eine Woche nach den Ausschreitungen in der sächsischen Stadt haben Unbekannte einen 72 Jahre alten Mann angegriffen und fremdenfeindlich beleidigt. Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, sollen die beiden jugendlichen Täter den Mann zu Boden gestoßen und dabei „Ausländer raus“ gerufen haben. Das Opfer ist Deutscher, hat algerische Wurzeln und lebt den Angaben zufolge seit rund 40 Jahren in Deutschland. Nach der Tat flüchteten die Täter zu Fuß, die Fahndung der Polizei verlief bisher erfolglos.

          Am Donnerstag hat Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (parteilos) die örtliche Unterkunft für unbegleitete minderjährige Asylbewerber besucht. Im Gespräch verdeutlichte Ahrens den Jugendlichen, dass sie in der Öffentlichkeit nun unter besonderer Beobachtung stünden und ermahnte sie, sich unter keinen Umständen provozieren zu lassen. „Auch wenn es für Jugendliche nicht einfach ist, in der aktuellen Situation sollte man sich ein bisschen wie Heilige benehmen“, sagte der Bürgermeister. „Selbst wenn eure Familie und Mutter beleidigt werden, bleibt ruhig!“ Schließlich gebe es Menschen, die nur darauf warteten, den Jugendlichen etwas vorzuwerfen.

          Jugendliche wollen nicht unter Generalverdacht stehen

          Die Jugendlichen selbst beteuerten nach wie vor, die Auseinandersetzung nicht begonnen zu haben. Tatsächlich kursieren mehrere Handyvideos, die sowohl Beleidigungen und Provokationen als auch Schubsereien von Deutschen gegenüber einzelnen Flüchtlingen an besagtem Abend noch vor dem Gewaltausbruch zeigen sollen. Der Polizei zufolge ist die Gewalt dann jedoch von Flüchtlingen ausgegangen. Die Jugendlichen erklärten, dass es Problemfälle unter ihnen gebe.

          Es sei jedoch unfair, daraufhin die gesamte Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. Viele von ihnen hätten mit dem Kornmarkt nichts zu tun, stattdessen gebe es gezielte Aktionen von Rechtsextremisten gegen sie. Ahrens forderte die Jugendlichen auf, diese Vorfälle zu dokumentieren und der Polizei zu melden. Dem Landkreis zufolge gibt es keine generellen Schwierigkeiten mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Lediglich sechs der derzeit 180 betreuten Minderjährigen bereiteten „gravierende Probleme“.

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