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Nach Kopftuch-Urteil : Provokation oder ein Recht?

Bild: Imago

Durch den Karlsruher Kopftuch-Beschluss erhält eine alte Debatte neuen Zündstoff: Sind kopftuchtragende Lehrerinnen geeignet, die pluralen Werte unserer Gesellschaft zu vermitteln? Pauschale Verdächtigungen helfen bei der Beantwortung dieser Frage nicht weiter.

          Polarisiert und provoziert eine muslimische Frau, wenn sie ein Kopftuch als Zeichen ihrer muslimischen Identität trägt? Oder ist es nicht allein ihre religiöse Pflicht, sondern auch ihr bürgerliches Recht, ein Kopftuch zu tragen? Die Aufhebung des generellen Kopftuchverbots für muslimische Lehrerinnen durch das Bundesverfassungsgericht hat diese Diskussion abermals belebt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Dabei steht für die einen im Vordergrund, dass die Schule ein Ort ist, an dem (auch) Werte vermittelt werden; daher müsse darauf geachtet werden, dass lediglich die Werte vermittelt würden, die unsere Gesellschaft ausmachten, sagen sie. Das Kopftuch symbolisiere jedoch eine patriarchalische Lebenswelt, aus der viele Einwanderer kämen. Dem halten andere entgegen, auch den Bürgerinnen, die ein Kopftuch trügen, müssten alle Bereiche des öffentlichen Lebens offen sein; das erfordere die pluralistische Gesellschaft, in der wir lebten; mit der Aufhebung des Kopftuchverbots würden den Muslimen, die beklagten, sie würden diskriminiert, ein wichtiges Argument entzogen, ihre Integration würde also erleichtert.

          Familien von Aleviten könnten irritiert werden

          Es gibt also gute Gründe für und gegen die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Einerseits ist das Kopftuch unbestritten ein religiöses und weltanschauliches Bekenntnis der Frau, die es trägt. Sie grenzt sich damit von den nichtmuslimischen Frauen ab. Anderseits ist das Kopftuch keine Erfindung des Islams. Auch in Mitteleuropa haben Frauen bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts selbstverständlich beim Betreten einer Kirche ihr Haupt mit einem Kopftuch bedeckt. In den orthodoxen Kirchen ist das bis heute der Fall. Der Unterschied zum Islam ist, dass viele gläubige Musliminnen das Kopftuch an allen Orten tragen, an denen sie Fremden begegnen (können). Sie berufen sich dabei auf Koransuren wie 24:31 und 33:59.

          Die Angst besteht bei vielen Kritikern, dass eine muslimische Lehrerin, die ein Kopftuch trägt, ein Islamverständnis vermitteln könnte, das kulturelle Abgrenzungen betont – dass sie sichtbarer indoktrinieren könnte als Kolleginnen ohne Kopftuch oder ihre Kollegen. Auf nichtmuslimische Kinder wird eine mit Kopftuch unterrichtende Lehrerin kaum Einfluss haben. Es mag jedoch sein, dass Familien der Aleviten, deren Frauen keine Kopftücher tragen, ein Unbehagen empfinden, wenn ihre Kinder von frommen sunnitischen Lehrerinnen unterrichtet werden.

          Offene Gesellschaften müssen heute schon viel mehr ertragen

          Es hält sich aber die grundsätzliche Vermutung, eine Kopftuch tragende Lehrerin übe einen negativen Einfluss auf die Schüler aus; denn sie könne ihre Arbeit nutzen, um die Schüler zu indoktrinieren. Relativiert wird diese Unterstellung dadurch, dass grundsätzlich jeder Lehrer, unabhängig von seinem Äußeren, doktrinäre Ansichten vermitteln kann. Keine Diskussion wird darüber geführt, ob ein muslimischer Lehrer, der sich durch die Form seines Bartes als fromm zu erkennen gibt, für den Unterricht geeignet ist oder nicht. Zudem waren Generationen von Schülern dem Einfluss von Lehrern ausgesetzt, die von den Protestkultur des Jahres 1968 geprägt waren. Gefragt ist daher eine Einzelfallprüfung, nicht ein Pauschalverdacht.

          Eine pluralistische Gesellschaft muss heute in der Öffentlichkeit viel ertragen, nicht nur Kopftücher in Straßen, sondern auch Piercings, Ganzkörpertatoos und vieles andere mehr. Immer mehr Menschen drücken sich über ihre Kleidung und ihr Äußeres aus. Die Einstellung gegenüber dem Anderen ist keine Frage der Ästhetik, sondern der Toleranz.

          Dabei trifft immer weniger das Vorurteil zu, dass das Kopftuch für Rückständigkeit stehe. In der Türkei konkurrieren drei Formen des islamischen Kopftuchs: das bäuerliche, „basörtüsü“ genannte Tuch, das meist ältere Frauen tragen; der schwarze Ganzkörperschleier „carsaf“ der Frauen radikaler Islamisten; der „türban“ der neuen islamischen Mittelschicht, deren Frauen zunehmend emanzipiert und auch feministisch sind. Mit seinen grellen Farben ist der „türban“ längst ein Modeartikel. Seine Trägerinnen empfinden keinen Widerspruch, körperbetonte Kleidung zu tragen und dazu ein Kopftuch.

          Zudem sollte nicht vergessen werden, dass das Bundesverfassungsgericht keine Norm gesetzt hat, sondern einen persönlichen Spielraum schafft. Möglicherweise führt das dazu, dass Diskriminierungen abgebaut werden, die in der Privatwirtschaft bestehen, wo Kopftuchträgerinnen bisher wenig Chancen haben. Eine solche Weichenstellung hülfe der Integration.

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