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Nach Israelkritik : „Grass nicht zur Persona non grata erklären“

  • Aktualisiert am

Will nichts zurücknehmen: Literaturnobelpreisträger Günter Grass Bild: dpa

Soll Günter Grass trotz seines israelkritischen Gedichts der SPD im Wahlkampf dienen? Es sei falsch und voreilig, den Schriftsteller zur unerwünschten Person in der SPD zu erklären, sagen unisono Generalsekretärin Andrea Nahles und Bundestagsvizepräsident Thierse.

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          Die SPD diskutiert nach das jüngst veröffentlichte israelkritischen Gedicht von Günter Grass über ihr Verhältnis zum Literaturnobelpreisträger. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles warnt ihre Partei davor, Grass zur unerwünschten Person zu erklären. Über dessen Gedicht müsse die SPD mit dem 84 Jahren alten Schriftsteller streiten. „Aber auch wenn wir in dieser Frage gegensätzliche Auffassungen vertreten, bleibt Günter Grass ein ebenso unbequemer wie gern gesehener Gast. Innerhalb und außerhalb von Wahlkampfzeiten“, erklärte Nahles am Dienstag in Berlin. Sie reagierte auf Forderungen aus der Partei, Grass nicht mehr wie früher als SPD-Wahlkampfhelfer einzusetzen.

          Nahles blieb zugleich bei ihrer inhaltlichen Kritik am Gedicht des Literaten. „Es war unangemessen, Israel als eine Gefahr für den Weltfrieden zu bezeichnen oder die israelische Politik mit der Irans zu vergleichen“, erklärte sie. „Aber es wäre auch falsch, nun Günter Grass in der politischen Kultur Deutschlands zur ’Persona non Grata’ zu erklären. Das gilt auch für die politische Kultur in der SPD.“

          „Kein Antisemit“

          Ähnlich hatte sich am Morgen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse geäußert. Es wäre falsch, Grass voreilig als SPD-Wahlkämpfer auszuschließen. „Ich halte nichts davon, dass die SPD nun gewissermaßen wie der Staat Israel Günter Grass zur Persona non grata erklärt“, sagte der Sozialdemokrat am Dienstag im Deutschlandfunk. Zugleich warnte er davor, Grass zum Antisemiten zu erklären.

          SPD-Politiker hatten sich zuvor gegen Auftritte von Grass in den kommenden Wahlkämpfen ausgesprochen, der die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder unterstützt hatte. Grass werde nicht als Wahlkampfhelfer der SPD in Schleswig-Holstein auftreten - das sei aber auch schon vor dem Streit über das Gedicht klar gewesen, sagte SPD-Sprecher Amin Hamadmad in Kiel. „Wir hatten Herrn Grass für eine Veranstaltung zur Kulturpolitik angefragt, aber er hatte keine Zeit.“

          Grass schweigt zu Einreiseverbot

          In dem Gedicht „Was gesagt werden muss“ hatte Grass geschrieben, die Atommacht Israel bedrohe den Weltfrieden und könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen. Israels Innenminister Eli Jischai von der strengreligiösen Schas-Partei verhängte daraufhin ein Einreiseverbot gegen den Autor. Grass selbst wolle sich dazu derzeit nicht äußern, teilte das Sekretariat des Nobelpreisträgers am Dienstag in Lübeck auf dpa-Nachfrage mit.

          „Man soll mit ihm in der Sache streiten, seine Urteile kritisieren, aber ihn nicht als Person diskreditieren“, sagte Thierse. Grass’ vorzeitigen Ausschluss aus dem SPD-Wahlkampf halte er „nicht für sonderlich sinnvoll“. Zudem sei völlig offen, ob der Schriftsteller überhaupt erneut Wahlkampf für die SPD machen wolle. „Er hat nie alle Positionen der SPD vertreten, sondern war ihr in kritischer Solidarität verbunden.“ Thierse fügte hinzu: „Wenn man Günter Grass wegen dieser einseitigen kritischen Position zum Antisemiten macht, dann ist das fatal.“

          Auch zu einem Verzicht der SPD auf ihn als Wahlkämpfer wollte Grass nicht Stellung nehmen. Er hatte bereits Willy Brandt in den 60er Jahren unterstützt. In Hamburg engagierte er sich zuletzt bei der Bürgerschaftswahl für den SPD-Spitzenkandidaten Olaf Scholz. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Gernot Erler, sagte am Dienstag auf NDR Info, er erwarte nicht, dass Grass noch einmal als Wahlkampfhelfer der SPD auftrete. Das Gedicht zeige, dass Grass den Kontakt zur Realität verloren habe.

          Wegen des Einreiseverbotes gerät die israelische Regierung derweil selbst unter Druck. Deutsche Politiker nannten den Schritt überzogen, auch israelische Medien kritisierten ihn. Die Zeitung „Haaretz“ nannte die Maßnahme „hysterisch“. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass.“

          Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rolf Mützenich, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ (Dienstag): „Das ist der Auseinandersetzung, die notwendig ist, unangemessen.“

          Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, kritisierte in derselben Zeitung den Schritt als „Überreaktion der israelischen Regierung“. Beide Politiker erneuerten zugleich jedoch die scharfe Kritik an Grass
           

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