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Nach Iglu- und Pisa-Studie : Köhler: „Unentschuldbare Ungerechtigkeit“

  • Aktualisiert am

Köhler beim Besuch einer Ferienakademie für hochbegabte Schüler (August 2006) Bild: picture-alliance/ dpa

Trotz den verbesserten Ergebnissen der deutschen Schüler in den jüngsten Iglu- und Pisa-Studien kritisieren Bundespräsident und Lehrergewerkschaft unisono die wachsende Abhängigkeit zwischen Herkunft und Bildungserfolg. Köhler spricht von einer „Vergeudung von Humanvermögen“.

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          Bundespräsident Horst Köhler hat die hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in den deutschen Schulen als „unentschuldbare Ungerechtigkeit“ bezeichnet. Dies schade nicht nur den Betroffenen, sondern sei auch „eine Vergeudung von Humanvermögen“, sagte Köhler bei der Jahrestagung des Forums Demographischer Wandel in Berlin.

          „Die Folgen dieser Vergeudung werden wir alle in Zukunft empfindlich spüren.“ An Investitionen in Bildung dürfe „nicht gespart werden“, sagte Köhler. Gemessen an der Wirtschaftskraft hätten sich die Pro-Kopf-Ausgaben für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Deutschland seit 1975 halbiert. „Andere Länder investieren wesentlich mehr“, fügte Köhler hinzu.

          Die demographische Entwicklung biete eine Chance zum Wandel. Wenn in den kommenden Jahren Schüler- und Studentenzahlen zurückgingen, „haben wir größere Möglichkeiten, die Pro-Kopf-Investitionen in Bildung zu steigern und so auch die Qualität der Bildung zu verbessern“.

          Die deutschen Schüler belegten Rang 11 in einer Lesestudie

          „Diese Chance müssen wir nützen“, forderte das Staatsoberhaupt. Köhler kritisierte außerdem, dass das föderale System diejenigen Bundesländer belohne, die unter Bedarf ausbilden und Absolventen aus anderen Ländern abwerben würden. „Wettbewerbsföderalismus im Bildungsbereich “stelle ich mir eigentlich anders vor“, monierte er.

          Lehrer warnen vor „Euphorie“

          Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat indes die Kultusminister nach den neuen Ergebnissen der Iglu- und Pisa-Schulleistungsstudien vor „zu viel Euphorie“ gewarnt. Die großen Probleme des deutschen Schulsystems seien bei weitem nicht gelöst, sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer am Donnerstag in Berlin.

          Nach wie vor sei in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so groß wie in Deutschland. Dies habe erneut die jüngste Iglu-Grundschulstudie bestätigt, sagte Demmer. Und auch bei der Pisa-Untersuchung könne man nicht ohne weiteres von Leistungsverbesserungen ausgehen.

          Die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Tests von 2006 und 2003 seien in keiner Weise vergleichbar, weil sich inzwischen das gesamte Aufgabenspektrum verändert habe, so Demmer. „Man muss sich hüten, hier Äpfel mit Birnen zu vergleichen.“

          Bundesländer: Reformen vorantreiben

          Auch die Bundesländer wollen nach dem guten Abschneiden die Reformen im Bildungssystem weiter vorantreiben. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD) sagte, man dürfe nicht in den Anstrengungen nachlassen, „allen Kindern in Deutschland eine möglichst gute Basis für ihren weiteren Bildungsweg zu verschaffen“.

          Die Koordinatorin der unionsgeführten Länder, Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU), ergänzte mit Blick auf Absteiger: „Was mit Ländern geschieht, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen, kann in der Iglu-Tabelle nachgelesen werden.“

          PISA 2006: Deutschland liegt über dem Durchschnitt

          Nach der am Vortag in Berlin veröffentlichten weltweiten Iglu-Lesestudie für die Grundschulen belegt Deutschland Rang 11 unter 35 Nationen und zehn Regionen. Am Mittwochabend waren auch Teilergebnisse der neuen Pisa-Studie bekannt geworden, die die Leistung der 15 Jahre alten Schüler misst. Danach belegen Deutschlands Zehntklässler bei Umweltwissen und Naturwissenschaften Rang 13 von 57 Staaten.

          Bei der Pisa-Studie 2003 lag Deutschland noch auf Platz 18. Laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die internationale Pisa-Schuluntersuchung durchführt, sind beide Tests wegen ihrer geänderten Aufgabenstruktur bei den Naturwissenschaften nicht vergleichbar.

          Finnland ist auch bei der dritten Runde des OECD-Schulleistungsvergleichs von 15-Jährigen auf dem Spitzenplatz, gefolgt von Hongkong (China) und Kanada.

          Die OECD veröffentlichte am Donnerstag Vorabergebnisse der Studie, nachdem eine spanische Fachzeitschrift am Mittwoch bereits aus der Untersuchung zitiert hatte, die ursprünglich erst am 4. Dezember hätte vorgestellt werden sollen.

          Deutschland liege zum ersten Mal signifikant über dem OECD-Durchschnitt, teilte die Organisation mit. Auch Österreich und die Schweiz erzielten Ergebnisse, die statistisch signifikant über dem OECD-Mittel liegen. Allerdings schränkt die Organisation ein, dass im Bereich Naturwissenschaften ein direkter Vergleich mit früheren Ergebnissen nicht möglich sei, da sich durch die Schwerpunktsetzung Umfang und Struktur des Tests stark verändert haben.

          „Mehr als ein bloßes Länderranking“

          Die Pisa-Studie basiert auf Untersuchungen, die im Jahr 2006 in 57 Ländern erhoben wurden. Nach den Schwerpunkten Lesen bei PISA 2000 und Mathematik bei PISA 2003 wurden bei PISA 2006 vor allem Fähigkeiten in Naturwissenschaften getestet.

          OECD-Generalsekretär Angel Gurría hob die Bedeutung der Studie hervor. Pisa sei mehr als ein bloßes Länderranking. Es gehe viel mehr darum, „in wie weit die einzelnen Bildungssysteme Jugendliche auf die Welt von morgen vorbereiten. Die Studie zeigt den Ländern, wo ihre Stärken und Schwächen sind“, unterstrich der OECD-Generalsekretär.

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