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Thüringen : Ein Elefant im Porzellanladen

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Mit einem Mausklick um die Welt: der thüringische Elefantenjäger mit dem ganz speziellen Verständnis von Artenschutz Bild: Archiv

Ein Abteilungsleiter im thüringischen Umweltministerium schießt bei einer Großwildjagd einen Elefanten und posiert damit auf Fotos. Seine Vorgesetzten sind nicht amüsiert – der Mann ist für den Artenschutz zuständig.

          Als der thüringische Staatskanzleichef, Jürgen Gnauck (CDU), vor mehr als zehn Jahren noch den Gemeinde- und Städtebund im Freistaat führte, griff er den Slogan eines japanischen Autoherstellers auf und nannte Thüringen das „Toyotaland“, denn „nichts ist unmöglich“. Wie Recht er doch hatte. Ein leibhaftiger Finanzminister des Freistaats setzte sich einmal dafür ein, aus Abraum vom Bau der Schienen- und Straßentrassen einen Tausender im Thüringer Wald zu formen, denn das kleine Land wollte schon immer hoch hinaus. Sprichwörtlich ist auch Deutschlands höchste Spaßbaddichte, mit der Thüringen einen weiteren Superlativ für sich reklamiert.

          Als gäbe es der schlechten Mär noch nicht genug, riss auch im neuen Jahr der Strom launiger Nachrichten aus der „Denkfabrik“, wie sich Thüringen viele Jahre in seiner Werbekampagne selbst nannte, nicht ab. Der Leiter der Zentralabteilung im Umweltministerium, Udo W., weilte im Dezember auf Großwildjagd in Botsuana. Dort erlegte er am Nikolaustag – mit angeblich mehreren Schüssen, weil das Tier partout nicht habe sterben wollen, – einen Elefanten. Triumphierend baute sich der Urlauber neben dem drei Tonnen schweren Kadaver von 7,24 Metern Länge von der Rüssel- bis zur Schwanzspitze auf und ließ sich mit der Waffe in der Hand fotografieren.

          Dosis ins Letale

          Die Bilder sandte er – per elektronischer Post mit Bildanhang – an seine Kollegen im Ministerium, wo nach einem Bericht der Zeitung „Thüringer Allgemeine“ ein regelrechter Wettstreit unter den führenden Köpfen des Hauses um die schönsten Trophäen herrschen muss. So sollen laut einem internen Schreiben, aus dem das Blatt zitiert, auch in heimischen Gefilden „spezielle Regelungen in der Thüringer Jagdordnung“ sicherstellen, dass leitenden Beamten im Umweltministerium der Abschuss „der größten Böcke“ im Thüringer Wald vorbehalten bleibt.

          Vielleicht auch, weil ein Abteilungsleiter nicht immer der beliebteste unter den Kollegen ist, und weil die Vervielfältigung der Botschaft durch ihr Versenden nur einen verlockenden Fingertipp entfernt liegt, fand die Post ihren Weg zur Fraktion der Grünen im Landtag und bald darauf auch in diverse Redaktionsstuben in aller Welt. Das Bild im Kolonialstil verfehlte seine Wirkung nicht. Denn es ist voll praller Lust am fiesen Töten unschuldiger Säuger und lädt zu allerlei hässlichen Assoziationen ein. Die Dosis ins Letale steigernd kam hinzu, dass der Jäger im Ministerium für den Artenschutz zuständig ist.

          „Kein Artenschutz für Trophäenjäger“

          Die Grünen fanden es „abscheulich, dass sich ein Umweltbeamter über das Washingtoner Artenschutzabkommen hinwegsetzt“, und Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei, verlangte, es dürfe keinen Artenschutz für Trophäenjäger geben.

          Doch auch Umweltminister Jürgen Reinholz (CDU), oder gar Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) werden kaum Gefallen an der Bilderbotschaft finden. In der Staatskanzlei ist das Entsetzen so groß wie im Umweltministerium die Sprachlosigkeit. Denn was soll man da sagen? Erstens ist der Beamte ein Beamter und kein Politiker, der sich öffentlicher Kritik auf andere Weise stellen müsste. Zweitens war der Abteilungsleiter im Urlaub und nicht auf einer Dienstreise. Drittens schoss er im Dezember 2013. Die Jagd in Botsuana wurde erst im Januar 2014 wenn schon nicht verboten, aber doch zumindest eingeschränkt, denn das Schießen wilder Tiere als Sport und als Trophäenjagd sei mit dem Schutz der lokalen Fauna nicht länger vereinbar.

          Unter den jagdbegeisterten Kollegen im Umweltministerium könnte diese Nachricht für besonderen Unmut gesorgt haben. Schließlich ist dem Abteilungsleiter im internen Wettstreit um die größte Trophäe damit ein Rekord gelungen, den sie fortan weder in Botswana noch im heimischen Jagdrevier Wasserberg einstellen können. Mit der Würde des Umweltministeriums jedoch war Udo W. nicht mehr vereinbar. Er wurde am Montag in eine „untergeordnete Behörde“ versetzt. Auf diese Weise bewahrheitet sich eine alte Erkenntnis stets von Neuem: Über Botsuana lacht die Sonne und über Thüringen die ganze Welt.

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