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Germanwings-Absturz : Trügerische Sicherheit

Welcher Kapitän setzt schon seinen Traumjob aufs Spiel? Bild: Reuters

Der psychische Zustand von Andreas Lubitz wurde wie bei allen Piloten der Lufthansa seit der Ausbildung nicht mehr genauer geprüft. Die Fluggesellschaft verlässt sich darauf, dass auffälliges Verhalten gemeldet wird. Das reicht offensichtlich nicht aus.

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          Er war es. Daran besteht nach Auswertung der zweiten Blackbox kein Zweifel mehr. Der Kopilot hat willentlich den Germanwings-Flug 9525 abstürzen lassen und 149 Menschen ermordet. Auch wenn in den nächsten Wochen noch weitere Erkenntnisse zu erwarten sind – in Haarproben des Toten ließe sich etwa feststellen, ob er über lange Zeit Antidepressiva eingenommen hat –, so werden die Beweggründe von Andreas Lubitz vermutlich für immer im Unklaren bleiben. Auch die Frage, ob Familie, Freunde, Ärzte oder Kollegen seine Absichten hätten erkennen können und vor ihm hätten warnen müssen, wird wohl unbeantwortet bleiben.

          Der Bedarf an Piloten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Es gibt Hunderte Flugzeugführer in der Luft, die bei weitem nicht so gut ausgebildet sind, wie dieser Kopilot es war. Doch obwohl die Anforderungen an eine Ausbildung bei der Lufthansa hoch und die Eignungstests für gut 90 Prozent der Bewerber unüberwindbar sind – letztlich hat das System Lufthansa versagt.

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          Es beruht auch und vor allem auf der Annahme, dass ein Pilot von klein auf vom Fliegen träumt und sich nichts sehnlicher wünscht, als vier goldene Streifen am Ärmel zu tragen. Welcher Kapitän, so dachte man, würde diesen Traumjob mit seinem traumhaften Gehalt schon aufs Spiel setzen? Heute wissen wir, dass die Lufthansa sich damit in einer trügerischen Sicherheit wiegte.

          Niemand kann in den Kopf eines Menschen hineinschauen. Selbst eine schwere Depression lässt sich im Alltag verbergen, schon gar, wenn man weiß, dass die Diagnose das berufliche Aus bedeutet. Der Kopilot war äußerlich gesund, er musste seine körperliche Fitness zuletzt im Sommer den Ärzten seines Arbeitgebers beweisen. Sein psychischer Zustand aber wurde wie bei allen Lufthansa-Piloten seit der Ausbildung nicht mehr genauer geprüft. Die Fluggesellschaft verlässt sich auf ihre Mitarbeiter und hofft, dass auffälliges Verhalten gemeldet wird.

          Diese vermeintliche „Vorsorge“ wird intern aber oft als „Denunziation“ abgelehnt und reicht offensichtlich nicht aus, um eine psychische Störung rechtzeitig zu erkennen. Ob ein Psychologe bei einer Routineuntersuchung erkannt hätte, dass dieser Pilot eine Gefahr darstellte, lässt sich im Rückblick nicht mit Gewissheit sagen. Ratsam wäre der regelmäßige geschulte Blick auf die ansonsten ja fast unantastbare Kaste der Piloten trotzdem.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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