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Nach der Wahl in Thüringen : Ein verstörtes Land

Gerd Martin, Kreisgeschäftsführer der CDU, hängt im Eichsfeld Wahlplakate ab. Bild: Daniel Pilar

In Erfurt denkt die Politik über neue Bündnisse bis hin zur Minderheitsregierung nach. Im Eichsfeld hat ein CDU-Politiker gegen Björn Höcke gewonnen, in Obermehler stimmten 41,7 Prozent für die AfD. Wie sich Thüringen verändert.

          6 Min.

          Gerd Martin macht kurzen Prozess. Mit einem Messer durchtrennt er die Kabelbinder und greift nach dem Plakat, die türkisfarbenen Arbeitshandschuhe schützen seine Hände. Etwa 700 Plakate des Kandidaten hat die CDU hier oben aufgehängt, die müssen jetzt runter. Martin, 60 Jahre alt, kurze graue Haare, hat sich dafür einen alten Pritschenwagen besorgt, und die Ladefläche ist schon ziemlich voll.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am Montagmorgen hat er angefangen, bis Mittag waren schon an die 150 Plakate weg. Die Arbeit hat sich gelohnt. Im Wahlkreis Eichsfeld I, ganz im Nordwesten Thüringens, hat sich der CDU-Kandidat Thadäus König durchgesetzt – nicht knapp, sondern deutlich. 49 Prozent der Wähler stimmten hier für König, nur 21,4 Prozent gaben dem AfD-Kandidaten ihre Stimme. Der Mann von der AfD heißt Björn Höcke.

          Martin parkt seinen Wagen an einer Ausfallstraße von Uder, einem kleinen Ort mit etwas mehr als 2600 Einwohnern. Der 60 Jahre alte Christdemokrat ist hier Bürgermeister, ehrenamtlich, wie er betont. Hauptberuflich ist er Kreisgeschäftsführer der CDU. Natürlich war man erleichtert, als am Sonntagabend deutlich wurde, dass König sich so deutlich gegen den AfD-Landesvorsitzenden durchgesetzt hatte. „Trotzdem ist das Ergebnis ärgerlich“, sagt Martin.

          Er meint damit die Lage der CDU, die am Sonntag deutlich verloren hat. An einer Laterne, gleich gegenüber dem Baumarkt, hängen zwei Plakate. Das von König ist oben, darunter hat die AfD plakatiert, mit dem Gesicht von Höcke. Als Martin das CDU-Plakat auf die Ladefläche wirft, kommt eine Anwohnerin vorbei. „Machst du den Höcke auch weg?“, fragt sie. Martin sagt: „Nee du, daran mache ich mir nicht die Hände schmutzig.“ Ein paar Kilometer weiter bittet Thadäus König eine Journalistengruppe nach der anderen in sein Büro.

          Thadäus Rudolf König hat gegen Höcke gewonnen.

          Das Interesse an dem 37 Jahre alten Politikwissenschaftler ist groß, immerhin hat er Björn Höcke bezwungen, ja man kann sagen: deklassiert. Heiligenstadt hat fast 19.000 Einwohner, ein beschaulicher Ort mit viel Fachwerk, und mittendrin hat die CDU ihren Sitz. „Dass es so deutlich wird, hätte ich nicht gedacht“, sagt König. Er sieht die fast 50 Prozent als den gerechten Lohn für den Wahlkampf der CDU, der „sehr kleinteilig“ gewesen sei. „Ich bin viel in die Orte gegangen und habe auf Sachthemen gesetzt.“ Ungefähr 50 Veranstaltungen waren es seit dem Sommer.

          Damit komme man der AfD und deren Populismus am besten bei: indem man klar sagte, was man besser machen wolle im Land. Dass die AfD im Eichsfeld vergleichsweise schwach abgeschnitten habe, hat für König auch etwas damit zu tun, dass hier so viele regelmäßig in die Kirche gehen – in die katholische, wohlgemerkt, die Gegend ist eine Enklave im sonst evangelischen Thüringen. König sagt: „Schon in den dreißiger Jahren hatte die NSDAP hier ihre schwächsten Ergebnisse.“ Nur eine Sache ärgere ihn. Er könne nicht verstehen, dass die CDU in Erfurt sich die Option offen halte, mit der Linkspartei, „der direkten Nachfolgerin der SED“, zu koalieren. Es sei für die Eichsfelder, die so nahe an der innerdeutschen Grenze gelebt hätten, „nicht vorstellbar“. Dafür hätten die Leute in der Gegend zu viele Repressalien ertragen müssen zur Zeit der DDR.

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