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Nach der Hochschulreform : Leben mit Bologna

Die Bologna-Reform wird kaum noch grundsätzlich in Frage gestellt. Mittlerweile geht es eher darum, sie zu verbessern Bild: dpa

Die Phase, da die Studienreform grundsätzlich in Frage gestellt wurde, ist vorbei. Nun weicht sie den Versuchen, innerhalb des neuen Systems Verbesserung herbeizuführen.

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          Die Phase der Defizitanalyse der Bologna-Reform scheint allmählich überwunden zu sein. Die Hochschulen suchen nach konstruktiven Auswegen innerhalb des Bachelor-Master-Systems und bemühen sich dabei, die europäische Universitätsidee als Leitprinzip in Erinnerung zu bringen - der politischen Korrektheit wegen meist unter Berufung auf angloamerikanische Vorbilder. Nachdem die amerikanischen Universitäten Humboldts Universitätsmodell zu ihrem Vorbild erhoben hatten, reimportieren sie nun viele deutsche Universitäten mit englischer Nomenklatur. Allerdings bleiben sie nicht beim Reimport stehen, sondern berücksichtigen zunehmend die völlig unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen ihrer Studenten und deren Vorbildung. Das hat das dritte Hochschulforum im deutsch-italienischen Begegnungszentrum Villa Vigoni gezeigt, das vom Generalsekretär der Villa, Vogt-Spira, von der Guardini-Stiftung und dem Deutschen Hochschulverband initiiert und in der vergangenen Woche veranstaltet wurde.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Einig waren sich alle Wissenschaftler aus Italien und Deutschland, dass es zur Forschungsorientierung an Universitäten keine glaubwürdige Alternative gibt, dass sich aber inzwischen zahlreiche Verengungen im Sinne von volkswirtschaftlicher Nützlichkeit, Antragstauglichkeit und Ranking-Gläubigkeit ergeben haben.

          8000 Neueinschreibungen allein an der LMU München

          Allein an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität gab es zuletzt 8000 Neueinschreibungen - es ist völlig ungeklärt, wie damit umzugehen ist, zumal der Ausbau der Fachhochschulen verpasst wurde. Es könne auch nicht darum gehen, die Differenzierung des Hochschulsystems durch neue Typen einzulösen. Auch eine Trennung von Forschungs- und Lehruniversitäten hält der Karlsruher Physiker am KIT Hilbert von Löhneysen, der die wissenschaftliche Kommission des Wissenschaftsrats leitet, für kein probates Mittel.

          Zu den beunruhigenden Beobachtungen gehörte, dass die Universitäten im Rahmen der Europäischen Union kaum mehr auftauchten, so der Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität, Huber. Vor einer zunehmenden staatlichen Steuerung der Universitäten durch Zielvereinbarungen mit jedem einzelnen Professor warnte der Verwaltungswissenschaftler Eckhard Schröter (Zeppelin University in Friedrichshafen). Die Rhetorik des Marktes, so die Überzeugung Schröters, wird einer stärkeren Bürokratisierung zusätzlich Vorschub leisten. Die sogenannte Hochschulautonomie erweise sich so in den meisten Fällen als Figuration des Scheins.

          Auffällig war, dass in der Villa Vigoni viele Modelle für die Ausbildung und Förderung der Besten unter den Studenten und Hochschullehrern an bestimmten Universitäten erwogen wurden, weniger aber für die Masse. Das ist in Zeiten der Exzellenzrhetorik nicht erstaunlich, wird aber Folgen für die ungelösten Probleme der Massenuniversität haben. Es könnten nun einmal nicht alle exzellent sein; wenn die gesamte Küste erleuchtet wäre, würde dadurch die Navigation nicht erleichtert, sagte der Kölner Rechtswissenschaftler Christian von Coelln im Blick auf die Leuchtturm-Symbolik.

          Eine echte Synthese des Wissens gelingt nicht

          Nicht für alle, aber auch nicht für die „Elite“ will die Universität Freiburg ein interdisziplinäres Studienmodell mit einem „Bachelor of Liberal Arts & Sciences“ einführen und erinnert dabei an die antike und europäische Bildungsphilosophie der Artes Liberales, um sodann die American Association of Colleges & Universities mit einer Definition der „Liberal Education“ als vertiefte Bildung mit hohen Anforderungen zu zitieren. Der Freiburger Rektor Hans-Jochen Schiewer sieht in dem neuen Modell (Teil des aktuellen Exzellenzantrags seiner Universität) eine Möglichkeit, Theorie und Methodenkompetenz voranzubringen, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsethik einzubeziehen und gleichzeitig einen interdisziplinären Zugang zu suchen. Eine Universalgelehrtheit sei im 21. Jahrhundert so wenig möglich wie die Berufung auf einen Bildungskanon, über den ohnehin kein Konsens zu erzielen sei, gab der Freiburger Althistoriker Hans Joachim Gehrke zu bedenken.

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