https://www.faz.net/-gpf-wejw

Nach der Brandkatastrophe : Schwere Vorwürfe gegen die Türkei

  • -Aktualisiert am

Der türkische Staatsminister Yazicioglu (r.) und die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer mit einem Angehörigen der Brandopfer in Ludwigshafen Bild: picture-alliance/ dpa

Nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen erhebt die Alevitische Gemeinde in Deutschland schwere Vorwürfe gegen die Regierung in Ankara. Es sei „respektlos“, aus der Trauerfeier einen „Staatsakt“ zu machen.

          Nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen hat die Alevitische Gemeinde in Deutschland schwere Vorwürfe gegen die türkische Regierung und türkische Medien erhoben. Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, verwahrte sich am Mittwoch gegen die „Instrumentalisierung“ der neun Todesopfer durch die Türkei, die alle Mitglieder dieser zweitstärksten muslimischen Glaubensrichtung in Deutschland waren.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          „In dieser Situation der Trauer muss man das Verbindende und das Menschliche in den Vordergrund stellen und darf nicht die Gesellschaft spalten“, sagte Toprak im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Hetzerische Presseberichte“ in türkischen Medien, die der deutschen Polizei und Feuerwehr mangelhafte Ermittlungen sowie verzögerte Rettungsbemühungen vorwerfen, seien fehl am Platze.

          „Respektlos gegenüber den Opfern“

          Toprak warf den Vertretern türkischer Organisationen, die sich am Brandort in der Ludwigshafener Innenstadt „vor den Kameras gedrängelt“ hätten, „Respektlosigkeit“ gegenüber den Opfern vor. „Dass es Aleviten waren, wurde unter den Teppich gekehrt.“ Er selbst sei von einem türkischen Journalisten als „Nestbeschmutzer“ beschimpft worden.

          Ali Ertan Toprak: „Dass es Aleviten waren, wurde unter den Teppich gekehrt”

          Die türkische Regierung versuche nun, aus der Trauerfeier einen „Staatsakt“ zu machen, statt die Wünsche der Angehörigen zu respektieren. Die Aleviten, die sich in ihrem Glaubensverständnis stark von der sunnitischen Mehrheit in der Türkei unterscheiden und deswegen dort oft angefeindet werden, besuchen keine Moscheen. Die Trauerfeier für die neun Opfer soll deshalb entweder im Freien oder im alevitischen Gemeindehaus in Mannheim stattfinden.

          „Schwierige Ermittlungen“

          Toprak, der sich am Mittwoch bei den überlebenden Angehörigen aufhielt, sprach den deutschen Behörden auch im Namen der betroffenen Familien das Vertrauen aus: „Die Ermittlungen sind sehr schwierig, das braucht seine Zeit. Wir vertrauen der deutschen Polizei.“ Toprak nannte es „befremdlich“, dass die türkische Regierung eigene Ermittler nach Ludwigshafen schicke, um Hinweisen auf einen möglichen fremdenfeindlichen Brandanschlag nachzugehen.

          „Die türkischen Experten sollten viel lieber ihre Energie für die Aufklärung der tausenden politischen Morde in der Türkei stecken.“ Zahlreiche kapitale Verbrechen in der Türkei, wie die Brandanschläge auf Aleviten 1993 in Sivas, bei denen 35 Personen, unter ihnen der Schriftsteller Nesin, ermordet wurden, seien bis heute nicht aufgeklärt. „Die Attentäter von Sivas leben unbehelligt in Deutschland, weil die türkischen Behörden sich bis heute weigern, einen Auslieferungsantrag zu stellen“, äußerte Toprak.

          „Kein Anlass, der deutschen Polizei zu misstrauen“

          Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisierte den Wunsch der Türkei, sich an den Ermittlungen zu beteiligen. „Es gibt für niemanden den geringsten Anlass, der deutschen Polizei zu misstrauen“, sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU), zeigte sich am Brandort „sehr schockiert“ über eine angebliche Attacke türkischer Jugendlicher gegen einen Feuerwehrmann. Die Polizei in Ludwigshafen teilte später mit, dass ein 37 Jahre alter türkischstämmiger Mann am Mittwochmorgen in einem Vorort einen Feuerwehrmann in einem Lokal wegen des Einsatzes am Sonntag beschimpft und dann geschlagen habe.

          Zusammen mit dem türkischen Staatsminister Mustafa Sait Yazicioglu besuchte Frau Böhmer die Ruine des ausgebrannten Wohnhauses und legte dort im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen Kranz nieder. Der Staatsminister für die im Ausland lebenden Türken rief seine Landsleute in Deutschland zur Besonnenheit auf und bedankte sich bei Polizei und Rettungskräften. Die deutschen Ermittler täten alles, um die Brandursache aufzuklären.

          Der türkische Ministerpräsident Erdogan wird an diesem Donnerstag zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) die Unglücksstätte besuchen. Erdogan reist ohnehin nach Deutschland, um unter anderem am Wochenende an der Sicherheitskonferenz in München teilzunehmen. Islamische Organisationen in Deutschland wie der Dachverband der Türkisch-Islamischen Union forderten abermals eine gründliche Untersuchung der Brandursache und kritisierten Beck, dem sie übereilte Schlüsse vorwarfen. Der SPD-Bundesvorsitzende hatte nach dem Brand am Montag gesagt, es gebe „nach allem Stand der jetzigen Kenntnisse“ keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Anschlag.

          Weitere Themen

          Zusammenprall der Temperamente

          Vor der Wahl in Israel : Zusammenprall der Temperamente

          Bei der Parlamentswahl an diesem Dienstag in Israel tritt der frühere Generalstabschef Gantz gegen Amtsinhaber Netanjahu an. Doch selbst wenn er gegen den Ministerpräsidenten gewinnen sollte – einen fundamentalen Politikwechsel gäbe es nicht.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.
          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.