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Nach der Brandkatastrophe in Ludwigshafen : Erdogan: Gettoisierung vermeiden, Unterricht in türkischer Sprache anbieten

  • Aktualisiert am

Erdogan: an Gymnasien und Universitäten in Deutschland auch Unterricht in türkischer Sprache anbieten Bild: dpa

Der türkische Ministerpräsident Erdogan und Bundeskanzlerin Merkel versuchen nach der Brandkatastrophe das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken wieder zu entspannen. Beide Seiten müssten „aufeinander zugehen“, sagte Merkel.

          Nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen haben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Deutsche und Türken zu mehr Verständnis füreinander aufgerufen. Beide Seiten müssten „aufeinander zugehen“, sagte Merkel am Freitag bei einem Treffen der beiden Politiker mit deutschen und türkischen Jugendlichen im Kanzleramt. Zugleich betonte die Kanzlerin, man werde alles tun, um diesen „schrecklichen Vorfall“ aufzuklären und alles so schnell wie möglich „ans Tageslicht zu bringen“.

          Erdogan mahnte, die Menschen müssten Vorurteile überwinden und eine „Gettoisierung“ der Migranten vermeiden. Er rief die türkischstämmigen Bundesbürger dazu auf, sich zu integrieren und vor allem die deutsche Sprache zu erlernen. Zugleich warb er dafür, an Gymnasien und Universitäten in Deutschland auch Unterricht in türkischer Sprache anzubieten.

          Abermals Teile des Gebäudes untersucht

          In der Brandruine in Ludwigshafen ging unterdessen die Suche nach der Ursache der Katastrophe weiter. Nachdem weiterer Brandschutt aus dem Gebäude geräumt und zur weiteren Untersuchung in Containern gelagert worden sei, hätten die Brandexperten am Vormittag abermals Teile des Gebäudeinneren durchsucht, sagte ein Polizeisprecher.

          Beide Seiten müssten „aufeinander zugehen”, sagte Merkel bei dem Treffen

          Zu Meldungen, wonach im Keller des Hauses illegal Strom abgezapft worden sei, wollte sich der Sprecher nicht äußern. Dies seien Spekulationen, an denen sich die Polizei nicht beteiligen werde. Der Leitende Oberstaatsanwalt Lothar Liebig hatte entsprechende Gerüchte am Donnerstagabend mit den Worten kommentiert: „Nein, dazu gibt es keine Fakten.“

          Amateurvideos ausgewertet

          Die Staatsanwaltschaft wertet unterdessen auch Amateurvideos aus, die von Zeugen und Passanten am Tag der Katastrophe gemacht wurden. Einige solcher Aufnahmen lägen den Behörden bereits vor. Das Material sei allerdings „von eher schlechter Qualität“, sagte Liebig.

          Die Chefredakteure der „Bild“-Zeitung und der türkischen Zeitung „Hürriyet“, Kai Diekmann und Ertugrul Özkök, forderten in einem gemeinsamen Kommentar Deutsche und Türken auf, Vertrauen in die Arbeit der Ermittlungsbehörden und der Polizei zu haben und ihnen zu helfen.

          „Sehr viel Unruhe gebracht“

          Unterdessen machten verschiedene türkische Vertreter den Wahlkampf des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) als einen Grund für die eskalierte Stimmung zwischen Deutschen und Türken nach dem Brand in Ludwigshafen aus. Der außenpolitische Berater des türkischen Ministerpräsidenten, Cüneyd Zapsu, sagte, der hessische Wahlkampf habe „sehr viel Unruhe gebracht“.

          Auch der Berliner Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan und der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak, werteten den Wahlkampf der hessischen CDU als eine Ursache für die Spannungen. Es sei deshalb „sicherlich sehr gut“ gewesen, dass Erdogan sich am Donnerstag hinter die deutschen Polizisten und Feuerwehrleute gestellt habe, sagte Toprak.

          Der Grünen-Europaabgeordnete Cem Özdemir bezeichnete den Besuch Erdogans als „hilfreich“. Es müsse „mehr Brückenbauer“ geben, sagte Özdemir. Die Menschen türkischer Herkunft in Deutschland bräuchten „das Gefühl, dass sie dazugehören“.

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