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Nach der Attacke von Halle : Eine Tat auf fruchtbarem Boden?

In der Altstadt von Halle gedenken am Mittwochabend zahlreiche Menschen der Opfer. Bild: Daniel Pilar

In Halle wird der Opfer der Attacke auf die Synagoge vom Mittwoch gedacht. Doch in der Stadt gibt es rechte Strukturen, die die Tat von Stephan B. begünstigt haben könnten.

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Ein Mann hält die Stille nicht mehr aus. „Ich muss in die Stille jetzt mal etwas sagen“, sagt der ältere Herr. Er hat sich in die Mitte des großen Kreises gestellt, den die Trauernden auf dem Marktplatz gebildet haben. Mehrere hundert, meist junge Menschen sind am Mittwochabend um 20 Uhr gekommen, um ein Zeichen zu setzen. Erst wenige Stunden zuvor war ein, so wird inzwischen von den Ermittlern vermutet, Einzeltäter mit diversen Waffen durch Halle gezogen, hatte versucht, in die Synagoge einzudringen, erschoss eine Passantin und einen Mann in einem Dönerimbiss. Der Täter streamte seine Tat im Internet. Er konnte von der Polizei festgenommen werden.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Ist die akute Gefahr also gebannt? Für den Mann auf dem Hallenser Marktplatz nicht. „Wenn ich den erwischt hätte, ich hätte ihn totgefahren“, sagt der Mann, und in der Menge ist ein Raunen zu hören, viele schütteln den Kopf. So wollen sie hier offensichtlich nicht der Opfer gedenken. Erst kurz zuvor hatte das Bündnis „Halle gegen Rechts“ zu der Veranstaltung aufgerufen. Die Arbeit des Bündnisses, so erklärt es dessen Sprecher Valentin Hacken, richtet sich normalerweise gegen die AfD und die „Identitäre Bewegung“. Nun geht es um Solidarität und Trauer um die Opfer und mit deren Angehörigen.

          Auch in anderen Städten wird am Mittwochabend der Opfer gedacht und ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Vor der Neuen Synagoge in Berlin kommen einige Menschen zusammen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Schock ist groß.

          Stilles Gedenken auf dem Marktplatz von Halle.

          Der wütende Mann in Halle wird gebeten, sich wieder ruhig zu verhalten, dann wird er zur Seite geleitet. „Wehrt euch“, ruft er noch den übrigen Demonstranten zu. Dabei sagen auch viele der übrigen Teilnehmer, dass die akute Gefahr vielleicht gebannt sein mag, weil der Täter gefasst ist. Jedoch säßen die Probleme tiefer, die Gefahr sei seit Jahren allgegenwärtig.

          Zum einen gab es in der jüngeren Vergangenheit eine ganze Reihe von politisch motivierten, rassistischen und antisemitischen Anschlägen. Der CDU-Politiker Walter Lübcke, Regierungspräsident von Kassel, wurde im Juni erschossen. Die Tat von Halle zeigt offensichtliche Parallelen zu dem Terrorakt im neuseeländischen Christchurch, wo im März ein Rassist 51 Menschen erschossen hatte; er hatte gezielt islamische Zentren in der Stadt angegriffen. In einem Manifest legte er seine krude Weltsicht dar. Auch er streamte seine Tat ins Internet.

          Zum anderen aber gibt es in Halle und Umgebung seit Jahren Strukturen, die im mutmaßlichen Täter Stephan B. die Hoffnung erweckt haben könnten, seine Taten würden auf fruchtbaren Boden fallen. Das Dreiländereck Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen ist das geistige Zentrum der Neuen Rechten. Deren Vordenker Götz Kubitschek wohnt in Schnellroda in Sachsen-Anhalt.

          Valentin Hacken von „Halle gegen Rechts“ berichtet von der „Identitären Bewegung“ in Halle. Diese wird vom Bundesverfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft. In Halle hat sie ein eigenes Haus, aus dem sie ihre Arbeit koordiniert. Das Haus geht auf eine Idee von Kubitschek zurück. In dem Haus hatte auch der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider sein Abgeordnetenbüro. Die Verquickungen zwischen AfD und „Identitärer Bewegung“ sind vielfältig, obwohl es einen Unvereinbarkeitsbeschluss der Partei gibt.

          Hacken berichtet, dass sich extremistisches Gedankengut immer stärker in der Stadt verfestige. Auch bei jungen Leuten. In Halle ist seit einiger Zeit die Gruppe „Kontrakultur Halle“ aktiv, die vom Landesverfassungsschutz als regionale Gruppe der „Identitären Bewegung“ bezeichnet wird. Aber „Kontrakultur Halle“ wurde schon früher gegründet und ist entsprechend verwurzelt.

          Das Haus der „Identitären Bewegung“ befindet sich direkt neben dem Steintor-Campus der Universität Halle. Seit einiger Zeit sitzen auch Anhänger der Gruppe in Vorlesungen und Seminaren der Universität. Eine Jurastudentin, die zur „Identitären Bewegung“ gehört, sitzt im Studierendenrat, der Studentenvertretung der Universität Halle. Sie kandidierte für die Liste „Campus Alternative“, einer AfD-nahen Hochschulgruppe.

          Für viele Hallenser hat der Anschlag vom Mittwoch also eine vielschichtige Vorgeschichte. In den sozialem Medien wurde dann auch die Aussage der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer kritisiert. Sie hatte nach der Tat von einem „Alarmzeichen“ gesprochen. Daraufhin hieß es, eine schreckliche Tat wie die von Halle sei schon längst kein „Alarmzeichen“ mehr.

          Auf dem Marktplatz in Halle gibt es am Donnerstag erstmal keine Schuldzuweisungen. Viele, die gekommen sind, haben Kerzen mitgebracht und stellen sie auf einen Sockel, der bald zum Mahnmal wird. Dieser Ort hat keinen jüdischen Bezug, aber den Anmeldern von „Halle gegen Rechts“ wurde gesagt, dass sie nicht vor der Synagoge zusammenkommen könnten, weil dort noch immer der Polizeieinsatz stattfinde. Normalerweise streite man sich auch mal mit der Polizei, sagt Bündnis-Sprecher Hacken. Aber heute sei nicht der Tag dazu. Eine junge Frau packt eine Israel-Flagge aus und hält sie sich vor den Oberkörper.

          Statt Schuldzuweisungen gibt es aber Fragen, die auf dem Marktplatz unter den Demonstranten eine Rolle spielen. Wie konnte der Täter an so viele Waffen kommen? Warum war die Synagoge an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, nicht von der Polizei geschützt? Schon bald nach der Tat äußerten sich der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, als auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös“, teilte er am Mittwoch mit. „Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt.“

          Gemeindevorsteher Privorozki beklagte, die Polizei sei zu spät an der Synagoge gewesen. Mindestens zehn Minuten hätte das gedauert, nachdem die Gemeinde bei der Polizei den Anschlag gemeldet hatte. In der Vergangenheit habe die Gemeinde darum gebeten, ähnlichen Polizeischutz zu bekommen wie in Städten mit größeren jüdischen Gemeinden, etwa Frankfurt. Darauf sei aber nicht eingegangen worden.

          Im Gedenken in Halle schwingt auch immer mit, dass gerade im nahen Leipzig an diesem Abend an die friedliche Revolution erinnert wird. Auch in Halle sollte es am Mittwoch eigentlich ein Friedensgebet geben. Das wurde aber abgesagt, auch nachdem die Polizei über Stunden die Bürger dazu aufgerufen hatte, zu Hause zu bleiben.

          Einige, die nun am Abend auf den Marktplatz gekommen sind, haben in der Zwischenzeit auch das Video gesehen, dass den mutmaßlichen Täter und seine Tat zeigen soll. Es ist eine gute halbe Stunde lang. Es beginnt im Auto, mit dem Stephan B. zunächst zur Synagoge fährt. Mehrere Waffen sind auf den Sitzen zu erkennen, auch Sprengstoff. Stephan B. stellt sich zu Anfang des Videos selbst wohl als „Anon“ vor, was die Kurzform von „Anonymous“ sein könnte. Wer auf der Internetseite „4chan“, auf der auch der Christchurch-Attentäter aktiv war, ohne einen Namen anzugeben etwas veröffentlicht, bekommt diesen Namen zugewiesen. Noch ist allerdings nicht bekannt, ob Stephan B. auch auf „4chan“ aktiv war.

          Eine Journalistin der Zeitung „New York Times“ veröffentlichte auf Twitter einen Screenshot aus einer wie sie schrieb rechtsextremen Chatgruppe. Auf dem Bild ist zu sehen, wie der Täter von Halle bejubelt wird und er als Heiliger glorifiziert wird.

          Die Plattform „Twitch“, auf der das Video gestreamt wurde, teilte am Mittwochabend mit, dass fünf Personen das Video live verfolgt hätten. Danach sei es eine halbe Stunde auf der Plattform verfügbar gewesen, in dieser Zeit haben es laut des Unternehmens 2200 Personen gesehen. Es wurde jedoch oft geteilt und verbreitete sich so. Twitch teilte noch mit, dass der Account von Stephan B. vor zwei Monaten angelegt worden sei und vor der Tat in Halle am Mittwoch einmal versucht worden sei, darüber zu streamen.

          Nun erwarten viele Konsequenzen. Am Donnerstagmittag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Halle kommen. Später am Tag dann Bundesinnenminister Horst Seehofer, er will zusammen mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht und Zenralratspräsident Schuster auch eine Pressekonferenz geben.

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