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Nach der Attacke von Halle : Eine Tat auf fruchtbarem Boden?

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Für viele Hallenser hat der Anschlag vom Mittwoch also eine vielschichtige Vorgeschichte. In den sozialem Medien wurde dann auch die Aussage der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer kritisiert. Sie hatte nach der Tat von einem „Alarmzeichen“ gesprochen. Daraufhin hieß es, eine schreckliche Tat wie die von Halle sei schon längst kein „Alarmzeichen“ mehr.

Auf dem Marktplatz in Halle gibt es am Donnerstag erstmal keine Schuldzuweisungen. Viele, die gekommen sind, haben Kerzen mitgebracht und stellen sie auf einen Sockel, der bald zum Mahnmal wird. Dieser Ort hat keinen jüdischen Bezug, aber den Anmeldern von „Halle gegen Rechts“ wurde gesagt, dass sie nicht vor der Synagoge zusammenkommen könnten, weil dort noch immer der Polizeieinsatz stattfinde. Normalerweise streite man sich auch mal mit der Polizei, sagt Bündnis-Sprecher Hacken. Aber heute sei nicht der Tag dazu. Eine junge Frau packt eine Israel-Flagge aus und hält sie sich vor den Oberkörper.

Statt Schuldzuweisungen gibt es aber Fragen, die auf dem Marktplatz unter den Demonstranten eine Rolle spielen. Wie konnte der Täter an so viele Waffen kommen? Warum war die Synagoge an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, nicht von der Polizei geschützt? Schon bald nach der Tat äußerten sich der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, als auch der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös“, teilte er am Mittwoch mit. „Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt.“

Gemeindevorsteher Privorozki beklagte, die Polizei sei zu spät an der Synagoge gewesen. Mindestens zehn Minuten hätte das gedauert, nachdem die Gemeinde bei der Polizei den Anschlag gemeldet hatte. In der Vergangenheit habe die Gemeinde darum gebeten, ähnlichen Polizeischutz zu bekommen wie in Städten mit größeren jüdischen Gemeinden, etwa Frankfurt. Darauf sei aber nicht eingegangen worden.

Im Gedenken in Halle schwingt auch immer mit, dass gerade im nahen Leipzig an diesem Abend an die friedliche Revolution erinnert wird. Auch in Halle sollte es am Mittwoch eigentlich ein Friedensgebet geben. Das wurde aber abgesagt, auch nachdem die Polizei über Stunden die Bürger dazu aufgerufen hatte, zu Hause zu bleiben.

Einige, die nun am Abend auf den Marktplatz gekommen sind, haben in der Zwischenzeit auch das Video gesehen, dass den mutmaßlichen Täter und seine Tat zeigen soll. Es ist eine gute halbe Stunde lang. Es beginnt im Auto, mit dem Stephan B. zunächst zur Synagoge fährt. Mehrere Waffen sind auf den Sitzen zu erkennen, auch Sprengstoff. Stephan B. stellt sich zu Anfang des Videos selbst wohl als „Anon“ vor, was die Kurzform von „Anonymous“ sein könnte. Wer auf der Internetseite „4chan“, auf der auch der Christchurch-Attentäter aktiv war, ohne einen Namen anzugeben etwas veröffentlicht, bekommt diesen Namen zugewiesen. Noch ist allerdings nicht bekannt, ob Stephan B. auch auf „4chan“ aktiv war.

Eine Journalistin der Zeitung „New York Times“ veröffentlichte auf Twitter einen Screenshot aus einer wie sie schrieb rechtsextremen Chatgruppe. Auf dem Bild ist zu sehen, wie der Täter von Halle bejubelt wird und er als Heiliger glorifiziert wird.

Die Plattform „Twitch“, auf der das Video gestreamt wurde, teilte am Mittwochabend mit, dass fünf Personen das Video live verfolgt hätten. Danach sei es eine halbe Stunde auf der Plattform verfügbar gewesen, in dieser Zeit haben es laut des Unternehmens 2200 Personen gesehen. Es wurde jedoch oft geteilt und verbreitete sich so. Twitch teilte noch mit, dass der Account von Stephan B. vor zwei Monaten angelegt worden sei und vor der Tat in Halle am Mittwoch einmal versucht worden sei, darüber zu streamen.

Nun erwarten viele Konsequenzen. Am Donnerstagmittag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Halle kommen. Später am Tag dann Bundesinnenminister Horst Seehofer, er will zusammen mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht und Zenralratspräsident Schuster auch eine Pressekonferenz geben.

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