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Merkel und Özil : Die umstrittene Nähe der Politik zum Fußball

  • -Aktualisiert am

2014 feierte die Kanzlerin mit den Weltmeistern in der Kabine in Rio. Bild: dpa

Deutsche Kanzler suchen gerne die Strahlkraft des Fußballs – das war nicht immer so. Taugt aber der Fall Özil dazu, Sport und Politik künftig wieder mehr voneinander zu trennen?

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          Sie springt auf von ihrem Sitz, reißt die Hände nach oben, ballt die Fäuste. Gerade hat Mario Götze die Fußballnationalmannschaft im Maracana zum Weltmeistertitel geschossen. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel jubelt, schreit ihre Freude heraus. Diese Bilder liegen vier Jahre zurück – manch einem Fan dürfte es inzwischen wie ein anderes Zeitalter vorkommen.

          Abseits der sportlichen Komponente zeigt das Bild aus einer Hochphase des deutschen Fußballs aber auch: Die Beziehung der Bundeskanzlerin zur Nationalmannschaft ist eine besondere. Seit vielen Jahren sitzt sie bei wichtigen Spielen auf der Tribüne, feuert an, fiebert mit. Die nahezu kindliche Freude, die für sie so ungewöhnlichen Gefühlsausbrüche, sie lassen Merkel nahbar scheinen. Die Bundeskanzlerin als erster Unterstützer des Aushängeschilds Nationalmannschaft.  

          Eine hervorragende Bühne

          Dass Politiker gerne etwas von Aufmerksamkeit für den Fußball abhaben möchten, leuchtet ein. Wer will nicht gerne abseits der grauen Politik für ein paar Stunden positive Bilder transportieren? „Politiker wollen Aufmerksamkeit und Zustimmung für die eigene Position oder Person erzielen. Der Fußball bietet eine hervorragende Bühne, um beides zu erreichen“, sagt Jürgen Mittag, Professor für Politik und Sport an der Sporthochschule in Köln.

          Doch das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil, in den Anfängen der Bundesrepublik gab es kaum Berührungspunkte zwischen der großen Politik und dem Fußball. Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, interessierte sich wenig für Fußball, seine Leidenschaft galt dem Boccia. Den Triumph von 1954 verfolgte der Kanzler aus der Ferne, er hatte Wichtigeres zu tun. Es galt, am letztlich gescheiterten Zustandekommen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu arbeiten.

          Dem Empfang der Mannschaft im Berliner Olympiastadion blieb Adenauer ebenfalls fern – auch aus Sorge um einen neu aufkommenden Nationalismus und das Ansehen des Landes im Ausland. Unmittelbar nach dem 3:2-Sieg gegen Ungarn hatte der damalige DFB-Präsident Peco Bauwens den Erfolg der Mannschaft mit patriotischen Worten gefeiert und der Nationaltrainer Sepp Herberger die erste Strophe des Deutschlandlieds angestimmt.

          Schmidt stand über den Dingen

          Auch in den Jahren nach dem ersten Weltmeistertitel, den im Nachhinein nicht wenige als die wahre „Geburtsstunde“ der Bundesrepublik betrachten, änderte sich wenig am eher gefühlsarmen Verhältnis zwischen Kanzlern und  Nationalmannschaft. Helmut Schmidt, in dessen Amtszeit der zweite Weltmeistertitel von 1974 fiel, ging zwar hin und wieder ins Stadion, vorzugsweise bei wichtigen Spielen; das Geschehen auf dem Rasen verfolgte er meist aber mit einer für ihn typischen kritischen Distanz. Schmidt stand über den Dingen: keine großen Jubelgesten, kein Geschrei, keine Fotos mit verschwitzten Fußballern. Selbst Niederlagen nahm er mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis. Nach dem verlorenen WM-Finale 1982 wurde er kritisiert, weil er mit dem damaligen italienischen Staatspräsidenten auf der Tribüne Scherze gemacht hatte, anstatt seine tiefe Betroffenheit über die deutsche Niederlage zu zeigen.

          Erst in den achtziger Jahren begann sich das Verhältnis zwischen Politik und Fußball zu ändern – was auch an gesellschaftlichen Entwicklungen lag. Die Kommerzialisierung des Fußballs erhöhte seine Reichweite, das neu geschaffene, duale Rundfunksystem sorgte dafür, dass der Fußball medial immer präsenter wurde. „Das alles hat mit dazu beigetragen, dass der Fußball auch für die Politik interessanter wurde“, sagt Politikwissenschaftler Mittag. Zudem fanden zwischen 1990 und 2002 Bundestagswahlen und Weltmeisterschaften öfter in den gleichen Jahren statt. Das habe zur Folge gehabt, dass „Kanzler und Herausforderer Weltmeisterschaften gezielt als Bühne nutzten, um sich zu präsentieren“.

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