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Merkel und Özil : Die umstrittene Nähe der Politik zum Fußball

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Unabhängig davon, wie man zu Özil, Gündogan und dem Foto steht, zeigt die öffentliche Erregung: Moralische Maßstäbe der Politik werden auf den Fußball und seine Akteure übertragen. Der Fußball wird politisiert, in gewisser Weise verabsolutiert. Einen Gefallen tut man den Sportlern damit nicht unbedingt. „Ansprüche und Erwartungen, die auf Fußballer projiziert werden, überschreiten zum Teil den Rahmen des Möglichen“, sagt Mittag.

Hoher Besuch: Angela Merkel im Kreise der Nationalspieler bei ihrer Kurzvisite im Trainingslager in Südtirol
Hoher Besuch: Angela Merkel im Kreise der Nationalspieler bei ihrer Kurzvisite im Trainingslager in Südtirol : Bild: AFP

Dabei ist die verbindende Kraft des Fußballs unbestritten. Er bietet die Möglichkeit, Menschen verschiedener Herkunft zusammenzubringen, ein Gemeinschaftsgefühl entstehen zu lassen. In Zeiten der Individualisierung, in denen viele Gesellschaften eher auseinanderzudriften drohen, bietet der Fußball für die Politik ein dankbares Medium, den Zusammenhalt zu beschwören. Die Kehrseite: Der Fußball dient eben auch als Projektionsfläche für polarisierende Fragen – etwa der nach der Integrationsfähigkeit von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund.

Wird der Fußball mit Interessen überfrachtet?

2010 nach einem Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei ließ sich Merkel mit Özil in der Kabine, dem Allerheiligsten Raum der Mannschaft, fotografieren. Ein Bild mit hoher Symbolkraft: Die Kanzlerin schüttelt dem schüchternen Fußballer mit türkischen Wurzeln die Hand. „Seht her, was Özil schafft, könnt ihr auch schaffen!“ Diese Botschaft an Jugendliche mit Migrationshintergrund schwang in der Debatte um Integration in Deutschland fortan mit.

„Themen, die sonst nicht durchdringen würden, kann die Politik über die Bühne Fußball einfacher kommunizieren“, sagt Mittag. Die Frage jedoch ist, wann die Instrumentalisierung des Fußballs überhandnimmt, wie viel politische Nähe der Fußball verträgt. So hatte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger der Kanzlerin schon kurz nach ihrem Foto mit Özil vorgeworfen, den DFB zu instrumentalisieren.

Es gebe eine Tendenz, den Fußball zu sehr zu beanspruchen, sagt Mittag. „Wenn andere Bereiche den Fußball zu stark mit ihren Interessen überfrachten, geht dies zu dessen Lasten.“ Erste Anzeichen dafür seien, so Mittag, dass sich mehr Menschen von sportlichen Großereignissen abwandten – auch, weil der Kern des sportlichen Wettkampfs immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint.

Darüber hinaus führe die Nähe zum Fußball dazu, dass es „der Politik zum Teil schwerer fällt, kritische Entwicklungen in der Sportart zu thematisieren“. Das gilt auch für die Entwicklung, wonach sich der professionelle Fußball, angetrieben durch wirtschaftliche Interessen, immer mehr von seiner Basis zu entfernen scheint. Stetig steigende Transfersummen, die zunehmende Zerstückelung von Bundesliga-Spieltagen all das steht für kritische Fans für eine zunehmende Abgehobenheit des Fußball-Business.

Bei dieser und anderen Fragen Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, das könnte auch die Aufgabe von Politikern sein – die sich nicht durch eine zu große Nähe zu Funktionären und Fußballern angreifbar machen.

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