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Merkel und Özil : Die umstrittene Nähe der Politik zum Fußball

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Wer ist der bessere Fan?

So wie im Bundestagswahlkampf 2002, als sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und sein Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) einen Wettkampf darum zu liefern schienen, wer der größere Fan der Nationalmannschaft sei. Kabinettssitzungen oder Wahlkampfveranstaltungen wurden unterbrochen, damit die beiden Politiker vor dem Fernseher Platz nehmen und den Fußballern im entfernten Südkorea und Japan die Daumen drücken konnten. Am Ende gewann Schröder die Wahl – ob das mit seiner Fußballverbundenheit zu tun hatte, ist schwer zu sagen. Geschadet haben dürfte sie ihm nicht. Das liegt wohl auch daran, dass er die Liebe zum Fußball nicht erst entdeckte, als sie ihm politisch nützlich wurde.

Schon als Jugendlicher kickte Schröder leidenschaftlich gern, unter anderem beim Bezirksligisten TuS Halle in Westfalen. Dass er dabei weniger das technisch-filigrane, als das rustikale Spiel bevorzugte, legt eine Anekdote nahe, die Schröder selbst gerne verbreitete. Demnach sei er als Jugendlicher auf dem Fußballplatz „Acker“ genannt worden. Ehrlich, direkt, volksnah – so wie sich Schröder später auch als Politiker präsentierte.

Alt-Kanzler Gerhard Schröder ließ kaum eine Gelegenheit aus, seine Fähigkeiten am Ball unter Beweis zu stellen.
Alt-Kanzler Gerhard Schröder ließ kaum eine Gelegenheit aus, seine Fähigkeiten am Ball unter Beweis zu stellen. : Bild: dpa

Jugendliche Heldentaten auf dem Fußballplatz sind von Angela Merkel nicht überliefert. Lange hatte sie keinerlei Verbindungen zum Fußball, entsprechend unterkühlt war ihr Verhältnis zu den kickenden Stars zu Beginn ihrer Kanzlerschaft. Doch das änderte sich recht bald. „Auch Angela Merkel hat gelernt, dass der Fußball schöne Bilder herstellt und ihr politisch nutzt“, sagt Mittag von der Sporthochschule Köln. So ist über die Jahre hinweg ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und den Verantwortlichen der Nationalmannschaft entstanden. Man schätzt einander, die DFB-Elf stellt sich gern für gemeinsame Termine zur Verfügung.

So wie jüngst vor der Weltmeisterschaft in Russland, als Merkel der Mannschaft einen Kurzbesuch im Trainingslager in Südtirol abstattete. Schnell ein paar Gespräche, ein Abendessen und ein Abschlussfoto; Merkel im blauen Blazer in der Mitte, drum herum die versammelte Mannschaft. Eine Szenerie, die an eine Königin erinnerte, umringt von ihrer Entourage. Der Kanzlerin nun vorzuwerfen, sie würde die Nähe zur Nationalmannschaft einzig und allein aus Opportunismus suchen, wäre wohl ungerecht. Dass sie sich für die Fußballer interessiert, ihr die Treffen Spaß machen, nimmt man ihr durchaus ab. Und trotzdem stellt sich die Frage danach, ob Politiker es mit der bewusst zur Schau gestellten Verbindung nicht übertreiben.

Die Nähe der Politik zum Fußball hat über die Jahrzehnte hinweg in dem Maße zugenommen, in dem seine gesellschaftliche Relevanz stieg. „Ob Politik, Wirtschaft oder Medien, jeder bedient sich des Mediums Fußball, um über ihn seine eigenen Interessen zu vermitteln“, sagt Mittag. Das führt dazu, dass die Grenzen zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen immer mehr verschwimmen. Das gilt auch für den jetzigen DFB-Präsidenten: Bevor Reinhard Grindel an die Spitze des Verbandes gewählt wurde, saß er jahrelang als Abgeordneter für die CDU im Bundestag.

Nicht unbedingt zum Wohl der Fußballer

Der Fußball sieht sich längst mit Interessen konfrontiert, die über seine eigentliche Funktion, den sportlichen Wettkampf, hinausgehen. Jüngstes Beispiel dafür ist die Aufregung, die das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hervorgerufen hat. Die beiden Fußballer seien ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht geworden, indem sie sich mit einem Präsidenten ablichten ließen, der es in seinem Land mit demokratischen Werten nicht ganz so genau nimmt. „Wie können die nur?“, war der Tenor.

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