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Trotz Corona-Ausbruch : Im Landkreis Vechta geht das Schlachten weiter

Beim Geflügelproduzenten Wiesenhof läuft die Produktion weiter. (Archivbild von 2017) Bild: dpa

In einem Geflügelschlachthof wurden 66 Mitarbeiter positiv auf Corona getestet. Die Infektionszahlen liegen nun nur knapp unter der kritischen Schwelle. Der Landrat bleibt gelassen.

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          Nach einigen Tagen der Ruhe gibt es den nächsten größeren Corona-Ausbruch in der deutschen Fleischindustrie. 66 Mitarbeiter eines großen Schlachthofs der PHW-Gruppe („Wiesenhof“) im niedersächsischen Lohne wurden bei einem Reihentest positiv getestet. Der Geflügelschlachthof im Landkreis Vechta beschäftigt insgesamt 1284 Mitarbeiter, 1064 von ihnen waren für die Testreihe verfügbar.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Bei den Infizierten handelt es sich um 48 Werkvertragsmitarbeiter, fünf Mitarbeiter aus Arbeitnehmerüberlassung, zwölf Stammbeschäftigte sowie einen Mitarbeiter eines externen Reinigungsbetriebs. Von den Infizierten wohnen 35 im Landkreis Vechta. Einen weiteren Schwerpunkt gibt es im benachbarten Landkreis Diepholz, wo 27 positiv getestete Wiesenhof-Mitarbeiter wohnen. Der Landkreis Vechta liegt nun mit 41,67 nur noch knapp unterhalb der kritischen Schwelle von fünfzig Infektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Zuvor war das Ausgangsniveau mit 16,24 bereits erhöht gewesen.

          Landrat Herbert Winkel zeigte sich auf einer Pressekonferenz am Sonntag dennoch gelassen. Weder verkündete der CDU-Politiker Einschränkungen für die Bevölkerung in der Region, noch wird der betroffene Schlachthof vorübergehend geschlossen. Winkel begründete dies damit, dass sich die meisten Infizierten vermutlich im privaten Rahmen angesteckt hätten. Innerhalb des Betriebs gebe es lediglich ein auffälliges Cluster im Kartonlager, erläuterte der Landrat. Dort gebe es sieben Infizierte, obwohl während der Arbeit ausreichend Abstand herrsche. Winkel vermutet deshalb, dass sich die Mitarbeiter während ihrer Pausen angesteckt haben. Womöglich hätten sie die Vorschriften „nicht eingehalten“, sagte Winkel.

          Die kritische 50er-Schwelle will der CDU-Politiker weiter „mit Argusaugen“ im Blick behalten. Sollten Einschränkungen des öffentlichen Lebens erforderlich werden, würden diese nicht für den gesamten Landkreis, sondern örtlich begrenzt erlassen. Zur Begründung verwies Winkel auf ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster, das die Behörden nach dem großen Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück zu präziseren Maßnahmen verpflichtet hatte.

          Alles anders als in Rheda-Wiedenbrück

          Auch in einem anderen Punkt setzt man sich in Vechta vom Landkreis Rheda-Wiedenbrück ab. Der hatte nach dem Ausbruch bei Tönnies eine Pressekonferenz ohne Beteiligung des Konzerns abgehalten und öffentlich bekundet, man habe „null Vertrauen“ in das Unternehmen. In Vechta saß am Sonntag der PHW-Vorstandsvorsitzende Peter Wesjohann mit auf dem Podium und durfte seine Bemühungen um Hygiene präsentieren. Wesjohann erklärte, der Betrieb in Lohne sei nach einem Großbrand im März 2016 nach neuesten Erkenntnissen wiederaufgebaut worden und seitdem vielleicht der modernste Geflügelschlachthof der Welt. Dies gelte auch für die Lüftung, die mit Hepa-Filtern ausgestattet sei. Auch habe sich das Unternehmen ein striktes Hygienekonzept auferlegt und teste jeden Mitarbeiter nach der Rückkehr aus dem Urlaub zweifach auf Corona. Wesjohann resümierte, aus seiner Sicht habe der Schlachthof das Infektionsgeschehen trotz der 66 Erkrankungen „im Griff“.

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          Die Familie Wesjohann gilt in der Region als äußerst einflussreich, nicht nur aufgrund der abgeführten Steuern. Paul-Heinz Wesjohann, der Vater des heutigen Unternehmenschefs, führte 15 Jahre lang die CDU-Fraktion im Kreistag Vechta. Solche Verflechtungen werden in der Landeshauptstadt Hannover immer wieder zum Thema, wenn es um mögliche Mängel bei der kommunalen Aufsicht in der Fleischindustrie geht.

          Keine vorsorglichen Tests

          Auffällig bei der Pressekonferenz war zudem, dass der Landkreis Vechta siebzig enge Kontaktpersonen der erkrankten Personen ermittelt und unter Quarantäne gestellt hat, diese aber nicht vorsorglich auf das Virus testet. Man rechne zwar mit rund zwanzig weiteren Erkrankungen in dieser Gruppe, wolle aber erst beim Auftreten von Symptomen testen, teilte der Landkreis mit. „Das war unsere Strategie und wird es auch bleiben.“

          In Rheda-Wiedenbrück bleibt es bei der konfrontativen Haltung zwischen Politik und dem Tönnies-Konzern. Unternehmenschef Clemens Tönnies sprach am Wochenende in der Zeitung „Westfalen-Blatt“ von einem „politischen Feldzug“ gegen sein Unternehmen. Der Corona-Ausbruch im Stammwerk seines Konzerns habe „nichts mit Werkvertragsarbeit oder den Wohnverhältnissen zu tun“, sondern mit der Umluftkühlung, die es in jedem Schlachthof gebe. Tönnies kündigte an, wegen der erzwungenen Schließung seines Schlachthofs Lohnkostenerstattung bei den Behörden zu beantragen und notfalls vor Gericht zu ziehen.

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