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Nach Bombenattentat : Ansbach hört nicht auf zu helfen

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Hätte man ihn aufhalten können?

Arne Bister mag Merkels Satz „Wir schaffen das“ nicht. Es klingt für ihn zu sehr nach Projektmanagement. „Was soll das bedeuten? Das klingt ja, als wäre unsere Arbeit irgendwann abgeschlossen.“ Bisters Frau ist eine Vietnamesin. Er sagt, er kenne viele „Boat People“, jene Menschen, die in der Folge des Vietnamkrieges mit Schiffen aus Südostasien kamen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es damals so etwas gab.“ Damit meint er junge Männer, die, wie hier in Ansbach oder in Würzburg, im Namen Gottes Leute umbringen wollen.

Er versteht nicht, warum es ausgerechnet die jungen Männer aus der arabischen Welt sind. „Er war nicht zu durchschauen“, sagt Bister. Das macht ihn fassungslos. Amtliche und ehrenamtliche Betreuer hätten sich um die jungen Männer im „Hotel Christl“ gekümmert. Trotzdem merkte niemand, was D. plante. Auch Bister hadert mit der Frage, wie D. alle täuschen konnte und ob man ihn hätte aufhalten können. Er glaubt, dass die Unterbringung der jungen, allein reisenden Männer unter ihresgleichen Gefahrenpotential birgt, weil sie keine Beschäftigung haben und so radikale Ideen untereinander ausgetauscht werden.

Eine Stadt stößt an ihre Grenzen

Viele der Ehrenamtlichen sind nach dem Anschlag noch motivierter, mit Flüchtlingen zu arbeiten. Einige wenige haben aus Angst aufgehört. Andere wollten bereits zugesagte Wohnungen nun doch nicht mehr an Migranten vermieten. Mit jungen, alleinstehenden Syrern wollten einige Ansbacher erst einmal nichts zu tun haben.

„Man ist vorsichtiger geworden und geht mit wacheren Augen durch die Straße“, sagt Thomas Deffner, Bürgermeister der Stadt. Die Kirchweih nach dem Attentat sei trotzdem gut besucht gewesen. „Die Ansbacher lassen sich die gute Laune nicht nehmen.“ Es gebe zwar einige Projekte, die den Flüchtlingen beim Ankommen helfen, sagt Deffner. Aber vorsichtig sagt er: „Realistisch gesehen, können wir auch nicht viel mehr machen. Irgendwann stoßen wir als Stadt auch an unsere Grenzen.“

Fahne mit dem Reichsadler

Mohamed, ein junger Kurde aus Kobane, kommt in das Gemeindehaus, um Anette Walden abzuholen. Mohamed hilft auch ehrenamtlich. Er lebt mit vier anderen im Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft nahe Ansbach. Weil ihm dort die Decke auf den Kopf fällt, kommt er fast jeden Tag und bringt sich ein, wo er kann. In diesen Tagen erlebt er viel Zurückweisung. Jeden Tag fährt er mit dem Bus aus dem Dorf, in dem er im Asylheim lebt, nach Ansbach. Im Bus reden die Leute über ihn, den Terroristen. Auf der Straße machen einige einen Bogen um ihn. Als er sich über den Zaun mit dem Nachbarskind unterhielt, kam die Mutter und verbot es. „Das verletzt mich“, sagt er.

Flüchtlinge aus Syrien stehen wenige Tage danach in der Nähe des Anschlagsortes und halten Zettel wie diesen hoch. Auch Mohamed, ein junger Kurde, wird ausgegrenzt.

Am Tag nach der Tat gab es eine spontane Kundgebung von Rechtsextremen. Doch die Gegendemonstranten, die „Ansbach ist bunt“-Schilder dabei hatten, waren zahlenmäßig überlegen. „So kenne und liebe ich meine Stadt“, sagt Bister. Doch in der Stadt, die sich mit Willkommenskultur rühmt, gibt es auch Einwohner, die deutliche Zeichen dagegensetzen. Im Gemeindesaal üben jeden Tag syrische Kinder Deutsch. Direkt gegenüber hat jemand eine schwarz-weiß-rote Fahne gehisst. Darauf der Reichsadler, über dem prangt: „Deutschland, meine Heimat“.

Anette Waldens Telefon klingelt in letzter Zeit ständig. Vor ein paar Tagen hat sie sogar ihre Nummer geändert, doch die neue scheint schon wieder herumgereicht zu werden. Die 56 Jahre alte Ehrenamtliche ist genervt. Genervt von den Fernseh-Teams, die sie jeden Tag anrufen und von ihr eine Einschätzung der Lage in Ansbach wollen. „Wer war der Attentäter? Was ändert das an der Flüchtlingsarbeit? Haben jetzt alle Angst?“ Ein Anruf, diesmal ist es jemand von der BBC. „Schon wieder Journalisten?“, fragt Walden. „Tut mir leid, aber ich lege jetzt auf.“ Sie hat keine Lust mehr. „So viel Zeit für jemanden, der sich in die Luft sprengen wollte.“ Dann sagt sie: „Vor uns liegt die Zukunft“. Sie deutet auf einen zehn Jahre alten Jungen, der aus Syrien kam und innerhalb von acht Monaten Deutsch gelernt hat.

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