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Nach Attentaten in Paris : 25.000 marschieren für Pegida in Dresden

  • Aktualisiert am

Kreuze für die Opfer der Anschläge in Paris: Pegida-Demonstranten in Dresden Bild: dpa

Nach den Terroranschlägen in Paris bekommt die Pegida-Bewegung in Dresden noch einmal starken Zulauf. Dass Angehörige und Freunde der Opfer den Zuspruch der Demonstranten gar nicht wollen, ist denen egal.

          Leipzig und Dresden trennen am Montag Welten. Während das islamkritische Legida-Bündnis bei seinem ersten Protest in Leipzig mit 2000 bis 3000 Teilnehmern rund 30.000 Gegendemonstranten auf die Straße bringt, kommen in Dresden nach Polizeiangaben mehr als 25.000 Anhänger zu Pegida, den selbsternannten „Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Die Organisatoren sprechen von 40.000 Teilnehmern. Vor einer Woche waren es laut Polizei noch 18.000 gewesen.

          Die Elbestadt gibt damit bei den inzwischen bundesweit organisierten Protesten gegen eine angebliche Überfremdung in Deutschland weiter den Ton an. Die Bewegung entstand dort im Oktober und wächst seitdem. Der Zulauf scheint ungebrochen, viele Sympathisanten reisen aus anderen Landesteilen an, wie Fahnen und Schilder zeigen.

          Pegida hatte seine Anhänger dazu aufgerufen, mit einem Trauerflor für die Opfer islamistischer Terroristen in Frankreich zu erscheinen. Ein Holzschild mit den Worten „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) und dem Zeichenstift in der Faust ist von LED-Lämpchen umringt. „Ich will mein Mitgefühl ausdrücken“, sagt ein 19 Jahre alter Mann aus Pirna, der mit seiner Familie nach Dresden gekommen ist. Das Schild habe er am Nachmittag gebastelt. Erst danach habe er erfahren, dass die Karikaturisten in Frankreich sein Mitgefühl gar nicht wollen: „Das ist mir egal“, sagt er. „Es geht mir einfach darum, zu zeigen, dass wir solidarisch sind.“

          An vielen Deutschland-Fahnen weht ein schwarzes Band. Der von den Organisatoren gewünschte Verzicht auf Sprechchöre klappt am Ende freilich nicht. Immer wieder skandierten die Massen „Wir sind das Volk“, als sie durch Dresden laufen. Politikwissenschaftler Werner Patzelt geht davon aus, dass die Attentate in Frankreich Pegida in Dresden weiteren Zulauf beschert haben. „Das was Pegida befürchtet, ist in Frankreich eingetreten“, sagt der Professor.

          „Wir sind nicht Legida“

          Krankenpfleger Peter Metzner steht an diesem Abend in Leipzig bei Legida, „Leipzig gegen die Islamisierung des Abendlandes“: „Es muss gestattet sein, dass man frei reden darf und es keine Verunglimpfungen gibt. Es hat keiner was gegen Kriegsflüchtlinge“, meint der 35 Jahre alte Mann. Aber gebraucht werde eine geregelte Einwanderung. Ingo Bever stärkt zeitgleich auf der Gegenseite die Reihen von „Nolegida“. „Wir sind Charlie. Wir sind nicht Legida“, sagte Bever. Es finde es wichtig zu zeigen, das Religion nicht gleich Extremismus ist. Die Muslime dürften nach den Anschlägen von Paris nicht leiden. Außerdem stehe er für Meinungsvielfalt ein. „Das ist das, was Legida nicht zeigt.“

          Selten ist so offensichtlich gewesen, dass sich Pegida auf Dresden konzentriert - und die  Ableger der Bewegung in anderen deutschen Städten nicht annähernd derartigen Zulauf erhalten. Während beispielsweise in Berlin am Montag der Demonstrationszug wegen Straßenblockaden wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren muss, kann die Bewegung in Dresden auf prominenter Route marschieren - mitten durch die Innenstadt. Insgesamt zeigen in Dresden an diesem Montag etwa 7000 Gegendemonstranten Flagge - deutlich weniger als noch am Samstag, als 35.000 Bürger das Pflaster vor der Frauenkirche bevölkerten.

          Dennoch ist der Protest an der Elbe stetig und fanstasievoll. Mit Warnwesten, Besen oder Wischmob laden Bands zum Kehraus auf dem Postplatz ein. „Reinigen wir ihn symbolisch von fremdenfeindlichen und ausgrenzenden Ressentiments“, rufen die Künstler und das Bündnis „Dresden für alle“ zum Mitmachen auf. „Wir distanzieren uns entschieden von fremdenfeindlicher Demagogie, wie wir sie in dieser Stadt erleben müssen“, sagt Schauspieler Ben Daniel Jöhnk, begleitet vom Trommelwirbel der Banda Communale.

          Merkel mit Kopftuch: So sieht die Angst vor der „Islamisierung des Abendlandes“ in Dresden aus.

          Politologe Patzelt vermag nicht zu sagen, wie es mit Pegida weitergeht. Nach verbalen Entgleisungen von Rednern im Dezember sind die Organisatoren nun hörbar um moderate Töne bemüht. Am Montag ergreifen nur Vereinschef Lutz Bachmann und Pegida-Mitbegründerin Kathrin Oertel das Wort. Patzelt spricht von sehr „abgewogenen Reden“ und lobt das friedliche Verhalten der Teilnehmer: „Wenn es möglich ist das durchzuhalten, dann gewinnt am Schluss moralisch Pegida.“ Nur einer verliert am Montag ein paar Fans: Schlagersänger Roland Kaiser ist am Samstag als Redner auf der Demonstration für ein weltoffenes Dresden aufgetreten. Oertel war nach eigenem Bekunden bis dato ein Fan Kaisers. Das ist nun vorbei. Kaiser wird in Dresden ausgebuht.

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