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Nach Anschlag in Berlin : Schneeflöckchen und Sturmgewehre

Trauer, Wut – und eine ostentative Gelassenheit, die manchen verstört: der Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz in Berlin am Mittwoch Bild: dpa

Viele Berliner reagieren auf den Anschlag in ihrer Stadt mit großer Gelassenheit. Auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz finden manche jedoch gerade diese Abgeklärtheit grausam.

          Die Spitze des Fernsehturms steckt noch im Nebel, aber das Kinderkarussell auf dem Alexanderplatz dreht sich wieder. Einen Tag lang waren die Weihnachtsmärkte in der Hauptstadt aus Trauer um die Opfer des Anschlags an der Gedächtniskirche geschlossen. Jetzt quietscht eine Zuckerstimme aus den Lautsprechern des Karussells: Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit. Kalt genug wäre es längst. Die Straßenbahn schiebt sich quer über den Platz, der das Gegenstück zum versehrten Breitscheidplatz im Westen das Zentrum des Berliner Ostens ist.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Neben dem Karussell flackern Holzscheite in einer Art überdimensioniertem Feuerkorb, zwei französische Studenten wärmen sich an den Flammen. Sie essen Currywurst, ihr Glühwein ist schon zur Hälfte leer. Seit sie am Morgen angekommen sind, staunen sie über Berlin. „Wir hatten erwartet, dass es trauriger sein würde. Man sieht nicht einmal, was passiert ist“, sagt der eine. Aber das gefalle ihnen. „Es ist eine gute Sache, dass alle so positiv sind.“

          Gedenkbanner wechseln sich mit Whiskey-Werbung ab

          Tatsächlich scheint das Leben in der Hauptstadt keine 48 Stunden nach dem ersten Terroranschlag in Deutschland wieder seinen gewohnten vorweihnachtlichen Gang zu gehen. Volle S-Bahnen, volle Einkaufstüten, Menschen, die Rollkoffer ziehen, andere, die selbst beim Straßeüberqueren auf ihre Handys starren. Vielleicht wird weniger gehupt und gemeckert im Straßenverkehr als sonst, aber das ist nur ein Gefühl.

          Die Kaufhäuser jedenfalls sind fast schon wieder so voll wie vor ein paar Tagen. Am Dienstag zeigten die Leuchtreklametafeln an Bus- und Straßebahnhaltestellen eine weiße Aufschrift der Anteilnahme auf schwarzem Grund. Inzwischen müssen sich die Gedenkbanner wieder mit Whiskey- und Uhrenwerbung abwechseln.

          „Ganz ohne Angst steht man hier nicht“

          „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagt eine Sozialarbeiterin mit blondiertem Kurzhaarschnitt, die mit einem Jugendclub aus Wittenberg den Weihnachtsmarkt am Alex besucht. Der Ausflug sei schon lange geplant gewesen, angesichts der Ereignisse vom Montagabend hätten die Jugendlichen sich noch einmal mit ihren Eltern besprochen. Dann seien alle zwölf mitgekommen. „Jetzt erst recht“, sagt die Blondierte. Und für die frühe Tageszeit sei es zum Glück sogar angemessen voll. Sonst würde man sich vielleicht doch unwohl fühlen.

          Ihre Kollegin schaut ernst auf ihren Glühweinbecher: „Seien wir mal ehrlich. So ganz ohne Angst steht man hier nicht“, sagt sie. Aber eben dieser vom Terror beabsichtigten Angst wolle man sich nicht beugen. Die Blondierte wirft einem Bettler einen Euro in den Pappbecher. „Fröhliche Weihnachten“, sagt sie und lächelt den Mann freundlich an. „Halleluja“, antwortet der Bettler.

          Der Terror ist Thema

          Aber nur, weil die Wunde nicht auf Anhieb sichtbar ist und die Stadt offensichtlich nicht unter Schock steht, vermutlich auch, weil Berlin mit seinen vielen Bezirken groß genug, dass man sich auch weiterhin einreden kann, der Terror wäre weit weg, heißt das nicht, er wäre kein Thema. Wie von selbst kommen die Leute an der „Salamihütte“ am Eingang des Weihnachtsmarktes miteinander ins Gespräch.

          Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) vor der Berliner Charité. Dort werden die Verletzten des Anschlags versorgt.

          „Den möchte ich zwischen die Finger kriegen, den Spinner“, sagt ein Rentner über den flüchtigen Täter, während seine Frau eine Chili-Salami in Empfang nimmt. Der Verkäufer erzählt, dass er auch an diesem Morgen ohne Angst zur Arbeit gekommen sei. Schließlich sei ihm die Gefahr eines Anschlags schon seit Monaten bewusst gewesen. Und er sei immer davon ausgegangen, dass im Zweifelsfall „sein“ Weihnachtsmarkt, direkt am Alexanderplatz, betroffen sein könnte.

          Täter ist auf freiem Fuß

          „Die Gefahr war die ganze Zeit da“, sagt der 21 Jahre alte Mann und fügt hinzu: „Gottseidank war’s woanders.“ Da mischt sich eine dunkelhaarige Frau mit Kunstpelzkragen an der Kapuze ein: „Das war noch nicht alles“, sagt sie. „Da kommt noch was. Davon bin ich überzeugt.“

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