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Nach Amokfahrt in Münster : Die Stadt steht den Opfern bei

  • -Aktualisiert am

Gedenkgottesdienst für die Opfer im Münsteraner Dom am Sonntagabend Bild: dpa

Münster trauert um die Opfer. Die Behörden ermitteln derweil im Umfeld des Amokfahrers Jens R. Noch gibt es Fragen. Ein Abschiedsschreiben soll aber Erkenntnisse bringen.

          Schweigend näheren sich Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet und sein Innenminister Herbert Reul (beide CDU) am Sonntagmittag dem bronzenen Kiepenkerl-Denkmal in der Altstadt von Münster. Der Kiepenkerl ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Kiepenkerle, so hießen einst die reisenden Händler aus dem Münsterland. Ihre Ware transportierten sie in großen Tragekörben, den Kiepen, um sie in Münster zu verkaufen. Seit Samstag steht das Kiepenkerl-Standbild am Spiekerhof nicht mehr nur für westfälische Folklore. Künftig wird es auch an eine Amokfahrt erinnern. Direkt neben dem Standbild hatte am Samstagnachmittag ein Mann seinem Campingbus in eine Menschenmenge gesteuert, eine Frau und ein Mann starben, mehr als zwanzig weitere Personen wurden zum Teil schwer verletzt. Unmittelbar nach der Tat erschoss sich der Fahrer in seinem Campingbus.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Schnell kursierten Gerüchte, es habe sich um die Tat von Islamisten gehandelt. Schon wenige Stunden nach der Tat ist aber klar, dass es „keine Hinweise auf einen politischen Hintergrund“ gebe, wie der örtliche Polizeipräsident sagt. Die Ermittler sind davon überzeugt, „dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen“. Damit umschrieb der ranghöchste Münsteraner Polizist den Umstand, dass der mutmaßliche Täter Jens R. den Behörden schon seit einiger Zeit als psychisch auffällig bekannt war und vor wenigen Wochen versuchte, sich das Leben zu nehmen. Bei seiner Amokfahrt könnte es sich um einen sogenannten „erweiterten Suizid“ handeln. Mit diesem Begriff bezeichnen Psychologen Taten, bei denen Selbstmörder andere Menschen mit in den Tod reißen. Ihre Motivation ist, ihr Leben nicht dort zu beenden, wo sie es (zumindest zuletzt) geführt haben: am Rand der Gesellschaft.

          Die Tat traf Münster aus heiterem Himmel

          Noch nicht einmal 24 Stunden nach der Tat sind Seehofer, Laschet und Reul in Münster, um der Opfer zu gedenken. Gleich welche Motivation der Täter hatte, die drei Politiker wollten ein Zeichen setzen, dass der Staat an der Seite der Opfer steht. Nach Amokläufen und Attentaten fokussierte sich die geballte Aufmerksamkeit häufig auf die Täter. Auch nach dem Lastwagen-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gerieten die Opfer nach Ansicht einiger Beobachter aus dem Blick. Das soll sich nicht wiederholen. Schweigend halten die drei Politiker zunächst am Kiepenkerl inne. Seehofer und Laschet legen Blumensträuße nieder. Reul zündet eine Kerze an. Dann falten die drei Männer ebenso wie der Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) ihre Hände zum stillen Gebet.

          Blumen für die Opfer in der Altstadt von Münster

          Die Amoktat traf die offene, friedliche, freundliche Stadt Münster buchstäblich aus heiterem Himmel. Der Samstag war auch in Münster einer der ersten warmen Frühlingstage des Jahres. Das historische Zentrum war voll von Einheimischen und Touristen. Überall waren die Außenterrassen der Cafés und Gasthöfe gut besetzt, so wie jene des „Großen Kiepenkerls“ direkt neben der Statue am Spiekerhof. Um kurz vor halb vier am Samstagnachmittag steuerte ein silbergrauer VW-Campingbus auf das Gasthaus zu. Augenzeugen machten sich zunächst keine Gedanken. Anders als der nahe Prinzipalmarkt ist der Spiekerhof für den Autoverkehr freigegeben. Aber sonderlich schnell können Autos auf dem Kopfsteinpflaster nicht fahren.

          Doch dann hielt der VW-Bus plötzlich direkt auf die Außenterrasse des Gasthofs zu. Zeugen berichteten, dass viele Gäste noch schnell aufspringen und sich in Sicherheit bringen konnten. Mehreren Personen gelang das aber nicht mehr, sie wurden von dem Kleinbus erfasst. Das Auto zermalmte Tische, Bänke, Sonnenschirme und kam erst an der Fassade der Gaststätte zum Stehen. Eine 51 Jahre alte Frau aus Lüneburg und ein 65 Jahre alter Mann aus dem münsterländischen Kreis Borken starben. Rund zwanzig weitere Gäste wurden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. In Panik versuchten sich Passanten in Ladeneingängen in Sicherheit zu bringen. Augenzeugen berichten von chaotischen Momenten voller Angst und Schrecken. Schnell machte das Gerücht die Runde, aus dem Kleinbus seien nach dem Aufprall zwei oder drei Männer gesprungen.

          Gerüchte in den sozialen Netzwerken

          Die Polizei konnte am Samstag zunächst nicht ausschließen, dass „die Lage“ tatsächlich noch andauert, also weitere, womöglich bewaffnete Täter in der Innenstadt unterwegs seien. Nur wenige Augenblicke nach dem Vorfall erreichte der erste Streifenwagen den Tatort, wenig später kreisten Hubschrauber über Münster. Bis in den Abend eilten überall aus Nordrhein-Westfalen Spezialkräfte der Polizei herbei.

          Noch schneller ging es allerdings in den sogenannten sozialen Netzwerken zu. Dort wurde – nicht zuletzt unter maßgeblicher Beteiligung rechtspopulistischer Politikern – das Gerücht als gesicherte Erkenntnis verbreitet, dass es sich bei dem Vorfall um einen islamistischen Anschlag nach dem Vorbild von Attentaten in London, Nizza und Berlin handele.

          Es dauerte eine Weile, bis die Ermittler ausschließen konnten, dass es weitere Täter gibt. Erst allmählich stellte sich heraus, dass Zeugen wohl im allgemeinen Chaos andere laut um sich rufende Zeugen für aus dem Bus flüchtende Männer hielten. Äußerste Vorsicht war bei den Ermittlungen am Tatort geboten. Aus dem VW-Bus ragende Drähte schienen auf einen Sprengsatz hindeuten. Gleichwohl waren sich die Ermittler sicher, „dass im Moment nichts dafür spricht, dass ein islamistischer Hintergrund vorliegt“, wie der nach Münster geeilte nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul schon am frühen Samstagabend sagte.

          Ein Abschiedsschreiben soll Erkenntnisse bringen

          Denn schon kurz nach dem Vorfall war den Ermittlern die Identität des mutmaßlichen Täters bekannt. Es handelt sich um den 48 Jahre alten Jens R., der ursprünglich aus Olsberg im Sauerland stammt. Auf ihn war der VW-Campingbus zugelassen. Direkt nach dem Aufprall hatte sich R. in dem Auto selbst erschossen. Schon dieser Umstand führte die Ermittler bereits am späten Samstagnachmittag zu der Einschätzung, dass es sich nicht um einen islamistischen Anschlag handelt. Ein dschihadistischer Attentäter hätte vor dem Selbstmord noch versucht, möglichst viele Menschen zu töten, hieß es aus Ermittlerkreisen. Wenig später wussten die Ermittler, dass R. schon seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung und dem sozialpsychologischen Dienst der Stadt Münster bekannt war. Im März soll er das erste Mal versucht haben, sich umzubringen. Möglichst spektakulär werde das geschehen, soll er angeblich einem Bekannten mitgeteilt haben. Weitere Erkenntnisse erhoffen sich Polizei und Staatsanwaltschaft von der Auswertung eines fünfseitigen Abschiedsschreibens, das R. hinterlassen haben soll.

          Zuletzt soll R. in seiner Wohnung in Münster zurückgezogen gelebt haben. Allerdings soll er mit Nachbarn, die ihn als schwierigen Charakter beschreiben, immer wieder Streit gesucht haben. Dadurch war R. auch polizeibekannt. Gegen ihn wurde in der Vergangenheit wegen Sachbeschädigung und Bedrohung ermittelt. Als Extremist war Jens R. den Behörden allerdings nicht aufgefallen. Doch nach der Tat sind die Sicherheitsbehörden nicht nur in Nordrhein-Westfalen damit beschäftigt, R. und sein soziales Umfeld zu durchleuchten. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Münster stießen Spezialisten des Landeskriminalamts auf eine allerdings unbrauchbar gemachte Maschinenpistole des Typs AK 47, eine sogenannte Dekowaffe, und – wie zuvor im Tatfahrzeug auch – auf sogenannte Polenböller. Neben der Waffe, mit der sich R. selbst erschoss, fanden die Kriminalisten zudem eine Schreckschusspistole.

          Merkwürdig ist auch, dass R. noch zwei weitere Meldeadressen in Ostdeutschland hatte. Unter anderem war der Täter in einem Haus im sächsischen Pirna gemeldet, in dem ein behördenbekannter Rechtsextremist wohnt. Bis zum Sonntagnachmittag fanden die Ermittler allerdings keine Hinweise darauf, dass R. Teil eines rechtsextremen Netzes war oder seine Tat vom Samstag rechtsextrem motiviert sein könnte. Gleichwohl sei man durch die Erfahrungen mit der lange im Verborgenen agierenden Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ gewarnt und werde auch jeden noch so kleinen Ansatzpunkt akribisch ausermitteln, hieß es aus Sicherheitskreisen.

          Es wird in alle Richtungen ermittelt

          Seehofer, Laschet, Reul und Oberbürgermeister Lewe entfernen sich am Sonntagmittag einige Meter vom Tatort, bevor sie sich äußern. Es soll ein Zeichen des Respekts vor den Opfern sein. „Auch wenn es im Moment starke Hinweise dafür gibt, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, dass es keinen Bezug zur Terrorszene gibt, teile ich die Meinung, die wir gerade im Polizeipräsidium gehört haben“, sagt Innenminister Seehofer. „Das ganze Umfeld muss weiter aufgeklärt werden, um alle Eventualitäten auszuschließen, es wird also in alle Richtungen ermittelt.“ Ausdrücklich dankt Seehofer den deutschen Medien, die sich alle sehr verantwortungsvoll verhalten hätten. Ministerpräsident Laschet dankt allen, die am Samstag in Münster so rasch zur Stelle waren. Rettungskräfte und Polizei hätten zügig und besonnen reagiert, 300 Münsteraner seien spontan zum Blutspenden zur Universitätsklinik gefahren. „Ich würde mir wünschen, dass diese Besonnenheit der Menschen, diese besondere Erfahrung der Friedensstadt Münster auch alle die erreicht hätte, die am Samstag ganz schnell bei Twitter und anderswo das Hetzen begonnen haben.“ Für die Opfer sei es egal, welcher Religion ein Täter angehöre.

          An diesem Montag werde die nordrhein-westfälische Opferschutzbeauftragte nach Münster kommen, kündigt Laschet an. Sein schwarz-gelbes Kabinett hat erst vor wenigen Monaten die frühere Generalstaatsanwältin Elisabeth Auchter-Mainz zur ersten Opferschutzbeauftragten des Landes ernannt. „Sie wird jedem einzelnen Betroffenen zur Verfügung stehen bei allen Fragen, die jetzt zu klären sind.“

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