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Nach Amokfahrt in Münster : Die Stadt steht den Opfern bei

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Doch dann hielt der VW-Bus plötzlich direkt auf die Außenterrasse des Gasthofs zu. Zeugen berichteten, dass viele Gäste noch schnell aufspringen und sich in Sicherheit bringen konnten. Mehreren Personen gelang das aber nicht mehr, sie wurden von dem Kleinbus erfasst. Das Auto zermalmte Tische, Bänke, Sonnenschirme und kam erst an der Fassade der Gaststätte zum Stehen. Eine 51 Jahre alte Frau aus Lüneburg und ein 65 Jahre alter Mann aus dem münsterländischen Kreis Borken starben. Rund zwanzig weitere Gäste wurden verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. In Panik versuchten sich Passanten in Ladeneingängen in Sicherheit zu bringen. Augenzeugen berichten von chaotischen Momenten voller Angst und Schrecken. Schnell machte das Gerücht die Runde, aus dem Kleinbus seien nach dem Aufprall zwei oder drei Männer gesprungen.

Gerüchte in den sozialen Netzwerken

Die Polizei konnte am Samstag zunächst nicht ausschließen, dass „die Lage“ tatsächlich noch andauert, also weitere, womöglich bewaffnete Täter in der Innenstadt unterwegs seien. Nur wenige Augenblicke nach dem Vorfall erreichte der erste Streifenwagen den Tatort, wenig später kreisten Hubschrauber über Münster. Bis in den Abend eilten überall aus Nordrhein-Westfalen Spezialkräfte der Polizei herbei.

Noch schneller ging es allerdings in den sogenannten sozialen Netzwerken zu. Dort wurde – nicht zuletzt unter maßgeblicher Beteiligung rechtspopulistischer Politikern – das Gerücht als gesicherte Erkenntnis verbreitet, dass es sich bei dem Vorfall um einen islamistischen Anschlag nach dem Vorbild von Attentaten in London, Nizza und Berlin handele.

Es dauerte eine Weile, bis die Ermittler ausschließen konnten, dass es weitere Täter gibt. Erst allmählich stellte sich heraus, dass Zeugen wohl im allgemeinen Chaos andere laut um sich rufende Zeugen für aus dem Bus flüchtende Männer hielten. Äußerste Vorsicht war bei den Ermittlungen am Tatort geboten. Aus dem VW-Bus ragende Drähte schienen auf einen Sprengsatz hindeuten. Gleichwohl waren sich die Ermittler sicher, „dass im Moment nichts dafür spricht, dass ein islamistischer Hintergrund vorliegt“, wie der nach Münster geeilte nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul schon am frühen Samstagabend sagte.

Ein Abschiedsschreiben soll Erkenntnisse bringen

Denn schon kurz nach dem Vorfall war den Ermittlern die Identität des mutmaßlichen Täters bekannt. Es handelt sich um den 48 Jahre alten Jens R., der ursprünglich aus Olsberg im Sauerland stammt. Auf ihn war der VW-Campingbus zugelassen. Direkt nach dem Aufprall hatte sich R. in dem Auto selbst erschossen. Schon dieser Umstand führte die Ermittler bereits am späten Samstagnachmittag zu der Einschätzung, dass es sich nicht um einen islamistischen Anschlag handelt. Ein dschihadistischer Attentäter hätte vor dem Selbstmord noch versucht, möglichst viele Menschen zu töten, hieß es aus Ermittlerkreisen. Wenig später wussten die Ermittler, dass R. schon seit einiger Zeit in psychiatrischer Behandlung und dem sozialpsychologischen Dienst der Stadt Münster bekannt war. Im März soll er das erste Mal versucht haben, sich umzubringen. Möglichst spektakulär werde das geschehen, soll er angeblich einem Bekannten mitgeteilt haben. Weitere Erkenntnisse erhoffen sich Polizei und Staatsanwaltschaft von der Auswertung eines fünfseitigen Abschiedsschreibens, das R. hinterlassen haben soll.

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