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Mutter sagt in IS-Prozess aus : „Ich habe mich nicht getraut, ihn davon abzuhalten“

Die Angeklagte Jennifer W. bedeckt ihr Gesicht beim Betreten des Gerichtssaals im April 2019 Bild: dpa

Im Prozess gegen die IS-Anhängerin Jennifer W. schildert die Mutter des getöteten Mädchens stundenlange Pein. Die Angeklagte erkennt sie erst auf den zweiten Blick.

          Die Zeugin streckt die Arme in die Luft. So, an beiden Armen, sei ihre Tochter im Hof ans Fenster gefesselt worden. „Ist ihre Tochter zusammengesackt?“ „Nein, sie hat sich nicht bewegt, sie war ja tot.“ „Wenn man tot ist, steht man nicht mehr.“ Es sind unangenehme Fragen, die der Vorsitzende Richter der jesidischen Belastungszeugin im Prozess gegen Jennifer W. stellt, die mutmaßliche Unterstützerin der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Doch mit der peniblen Befragung muss das Gericht die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen überprüfen, die den Mordvorwurf gegen die Angeklagte stützen sollen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Seit April muss sich die 27 Jahre alte Frau aus dem niedersächsischen Lohne vor dem Oberlandesgericht München wegen Mordes und Kriegsverbrechen verantworten. Sie soll im irakischen Falludscha im Sommer 2015 mit ihrem Mann (nach islamischen Recht) die Jesidin und ihre fünfjährige Tochter im Haus als Sklaven gehalten haben. Im Zuge einer „Strafaktion“ hatte ihr irakischer Mann laut Anklage das Kind in der sengenden Hitze vor dem Haus gefesselt, bis es starb. Und Jennifer W. tat demnach nichts, um dem Kind zu helfen.

          Zur „Bestrafung“ in die Gluthitze geschickt

          Den Anklagevorwurf hat die 47 Jahre alte Jesidin, eine kleine, in lange Gewänder und ein Kopftuch gehüllte Frau, die stets von Personenschützern flankiert wird, vor Gericht bestätigt: Stundenlang schildert sie am Mittwoch und Donnerstag den Tag, der ihr „Herz so schwer gemacht hat“: Zunächst habe „Abu Muawiya“, wie der Mann von Jennifer W. sich nannte, die Frau morgens zur „Bestrafung“ in die Gluthitze des Hofs geschickt. Dann habe er sie wieder ins Haus geholt, ihr befohlen zu putzen. Schließlich habe er ihre Tochter gerufen, die er „Rania“ genannt habe, weil er ihren jesidischen Namen verachtetet habe. Er habe das Kind genommen und es mit beiden Armen an das Gitter eines Fensters im Hof gefesselt. „Wie hat er sie gefesselt?“ „Mit einem braunen Elektrokabel.“ „Haben Sie versucht, ihn davon abzuhalten?“ „Nein, ich habe mich nicht getraut.“

          Stockend schildert sie, aus dem Dialekt „Kurmandschi“ von einer Dolmetscherin übersetzt, wie sie das Wohnzimmer geputzt habe, während ihre Tochter verzweifelt „Mama, Mama“ gerufen habe und sie dem Kind habe sagen müssen, dass sie sich nicht traue, zu ihm zu kommen. „Was taten der Mann und die Frau in der Zeit?“ „Sie saßen auf dem Sofa und unterhielten sich.“ Dann, etwa nach einer Stunde, habe der Mann das reglose Kind hereingetragen. Sie habe noch versucht, dem Kind Wasser einzuflößen, das die Frau gebracht habe, aber „Rania“ sei schon tot gewesen. „Die Zähne waren so zusammengezogen, dass ihr Mund nicht mehr aufging.“ Der Mann habe das Kind ins Krankenhaus gebracht, und sie habe nicht aufhören können, zu weinen. „Da hat Umm Muawiya mir eine Pistole an den Kopf gehalten, und gesagt: Hör auf zu weinen!“ Nach ein paar Tagen kam die Jesidin in eine andere Familie. „Abu Muawiya“ und Jennifer W. hat sie seitdem nie wieder gesehen.

          Bis zu ihrer Aussage in München, wie sie angibt. Am Donnerstag bittet der Vorsitzende sie, sich zur Anklagebank zu drehen: „Erkennen sie dort die Frau?“ „Ich weiß nicht, es ist solange her.“ Später, nach dem zweiten Hinschauen, wird sie deutlich: „Sie ist es!“ Auf die Frage, woran sie das festmache, sagt sie: „Sie hat schwarze Haare, schwarze Augen. Und sie ist jung und hübsch.“ Diese vage Identifizierung nehmen die beiden Verteidiger von Jennifer W. sichtlich gelassen zur Kenntnis. Doch ebenso die drei Sitzungsvertreter der Bundesanwaltschaft. Denn nach ihrer Sichtweise sind vor allem die Angaben zur Tat entscheidend – vorgebracht von einer Zeugin, die sich nicht selbst an die Ankläger gewandt hatte.

          Nachdem die Bundesanwaltschaft im vergangenen Jahr die Anklageerhebung gegen Jennifer W. auch auf Englisch kommuniziert hatte, erkannte eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation „Yazda“ den Fall wieder. Ihr hatte eine Jesidin im Nordirak vor kurzem genau diese Tötung ihrer Tochter geschildert. Über die Anwälte der Organisation erfuhr die Bundesanwaltschaft davon. Und die Angaben passten zu dem, was laut Bundesanwaltschaft Jennifer W. selbst geschildert hatte: Sie hatte einem verdeckten Ermittler in einem mit Abhörgeräten präparierten Auto von dem getöteten Mädchen erzählt. Das war 2018, als Jennifer W. gerade versuchte, von Deutschland aus wieder ins Gebiet des IS zu gelangen.

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