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Mutmaßlicher Wehrhahn-Bomber : „Mit Sprengstoff die Kanaken weggesprengt“

  • -Aktualisiert am

Rettungskräfte versorgen am 27. Juli 2000 Verletzte am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn. Bild: dpa

Mehr als 17 Jahre nachdem an der Düsseldorfer S-Bahn-Haltestelle Wehrhahn eine Bombe detonierte, steht der mutmaßliche Attentäter vor Gericht. Seine Opfer: zehn Sprachschüler aus Osteuropa, die zum Teil schwere Verletzungen davon trugen. Sein Motiv: Fremdenhass.

          Zeugen beschreiben den heute 51 Jahre alten Ralf S. mal als „kaputten Typ mit einer verkorksten Existenz und dem ständigen Drang, sich profilieren zu müssen“, mal als „grenzdebilen, fremdenfeindlichen Psychopathen“. Sie berichten davon, wie der ehemalige Bundeswehrsoldat und Waffennarr „in voller Ausrüstung“ Kriegsfilme angesehen habe, um sich auf Geländeübungen vorzubereiten oder seinen Rottweiler auf das Kommando „Asylant“ abgerichtet habe.

          S. heiratete demnach am Geburtstag Adolf Hitlers und trägt ein Hakenkreuz-Tattoo. Lange haben diese Zeugen geschwiegen. Im Jahr 2000, kurz nach dem Anschlag am Düsseldorf S-Bahn-Halt Wehrhahn, bei dem zehn Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, hatten die Ermittler Ralf S. schon einmal im Visier. Sie durchsuchten seine Wohnung, prüften die Verbindungsdaten seines Telefons, erkundigten sich in seinem Umfeld. Doch sie stießen auf eine Mauer des Schweigens. S. hatte zu diesem Zeitpunkt massiv Druck auf mindestens ein halbes Dutzend Zeugen ausgeübt. Eine von ihnen gab an, nach ihrer Aussage bei der Polizei von zwei Unbekannten überfallen und eingeschüchtert worden zu sein.

          Ralf S. verrät sich selbst

          Dass der mutmaßliche „Wehrhahn-Bomber“ nun doch noch vor Gericht steht, verdankt er seiner eigenen Prahlsucht. Während er 2014 eine kurze Gefängnisstrafe wegen unbezahlter Rechnungen absaß, brüstete er sich vor einem Zellenkumpel damit, er habe „an einem Bahnhof“ mit „Sprengstoff die Kanaken weggesprengt“. Dazu habe er einen Fernzünder benutzt. Der Mitgefangene wandte sich an die Polizei. Die nahm ihre Ermittlungen 14 Jahre nach dem Anschlag wieder auf.  

          Nach und nach gelang es den Ermittlern, das Mosaik zusammenzusetzen. Während der gesamten Untersuchungen wurden mehr als 1400 Personen vernommen, Hunderte Beweisstücke sichergestellt und die Wohnungen von neun Personen durchsucht. Am diesem Donnerstag, mehr als 17 Jahre nach dem Anschlag, beginnt der Indizienprozess am Düsseldorfer Schwurgericht. Ralf S. muss sich wegen des versuchten Mordes in zwölf Fällen sowie des „Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion“ verantworten. Nur weil der verwendete Sprengstoff TNT vermutlich durch Überlagerung verunreinigt war, kam keiner der zwölf Sprachschüler, denen der Anschlag galt, ums Leben.

          Fremdenfeindliches Motiv

          Mit der Explosion im Sommer 2000 entlud sich bei Ralf S. seine Wut auf Ausländer, glaubt die Staatsanwaltschaft. Ziel des Anschlags war eine Gruppe Sprachschüler mit Herkunft aus Osteuropa. Darunter vier Juden. Es war damit einer der gewalttätigsten Ausbrüche rechter terroristischer Gewalt in der Bundesrepublik neben den NSU-Morden und dem Oktoberfestattentat 1980. Ralf S., der mit seinem Hund regelmäßig in seinem „Revier“ im Düsseldorfer Stadtteil Flingern-Nord patrouillierte, betrieb gegenüber der Sprachschule einen Laden für Militaria. Die Anwesenheit der Ausländer in seinem unmittelbaren Umfeld war dem bekannten Rechtsradikalen offenbar ein Dorn im Auge. Bereits 1999 postierten sich zwei Männer in Ledermänteln und Springerstiefeln vor dem Eingang der Sprachschule und versuchten mit ihren Kampfhunden Besucher wie Lehrer einzuschüchtern.

          Bei dem Anschlag in Düsseldorf wurden zehn Menschen zum Teil schwer verletzt

          Mehrere Zeugen gaben an, die beiden Neonazis im Gespräch mit Ralf S. gesehen zu haben. 2014 gelang es den Beamten der neu formierten Ermittlungskommission „Furche“, weitere Zeugen zum Reden zu bringen. S., aus seiner Militärzeit gut mit dem Einsatz und der Tarnung von Sprengfallen vertraut, soll die Tat mehrfach angekündigt haben. Er habe davon gesprochen, man müsse „mal am Bahnhof was Richtiges machen“ und „diese dreckigen Kanaken in die Luft sprengen.“ Im Nachhinein soll er seine Tat verharmlost haben. Was er getan habe, sei kein Mord, sondern „nur eine Abtreibung“ gewesen. Damit spielt S. aus Sicht der Ermittler darauf an, dass beim Wehrhahn-Anschlag zwar keiner der Sprachschüler zu Tode kam, eine junge Frau aber ihr ungeborenes Kind verlor, weil ein Splitter in ihren Unterleib eindrang.

          Bei anderer Gelegenheit habe der Tatverdächtige von der „Wehrhahnsache“ als dem vierten „Glücksfall“ in seinem Leben gesprochen – neben der Geburt seiner drei Kinder. Bei einem Telefonat, das die Polizei aufzeichnete, zitierte er aus dem Schlussplädoyer von Nazi-Märtyrer Rudolf Heß bei den Nürnberger Prozessen: „Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder so handeln, wie ich handelte.“ Eine Zeugin will sogar einen Sprengsatz bei Ralf S. gesehen haben.

          Eine konspirative Wohnung

          Eine Anleitung zum Bau eines elektrischen Fernzünders sowie den Splint einer Handgranate hatten die Beamten bereits kurz nach der Tat in der Zweitwohnung des früheren Bundeswehrsoldaten gefunden. Heute vermuten die Ermittler, Ralf S. habe diese Wohnung nur zu dem Zweck angemietet, sein Attentat vorzubereiten. So meldete er sie nie den Behörden, den Telefonanschluss beauftragte er im Namen eines Bekannten, sein eigener Name fehlte auch auf dem Klingelschild und dem Briefkasten. Eine Nachbarin gab an, sie habe gehört, dass in den Räumen gehämmert und gesägt worden sei.

          Schon zwei Tage nach dem Anschlag am Wehrhahn bekundete S. gegenüber seiner Freundin, er werde die Wohnung, die er erst vor sieben Monaten angemietet hatte, wieder aufgeben. Sie hatte ihren Zweck erfüllt, schlussfolgern die Ermittler.

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          Die Strafverfolger konnten den Verdächtigen überdies in Widersprüche zu seinem Aufenthaltsort während der Tat verwickeln. So antwortete S. auf die Frage, wie sein Hund auf die Detonation reagiert habe: „Weiß ich nicht, der war doch zuhause.“ Die Antwort legt nahe, dass er selbst sich eben nicht, wie behauptet, ebenfalls in seiner Wohnung befand. Noch schwerer wiegt, dass sich auf dem Computer des Angeklagten Fotos nicht nur vom Tatort, sondern auch von einem nahegelegenen Stromkasten fanden, von wo aus der Täter vermutlich die Bombe zündete. Eine Anwohnerin hatte unmittelbar nach der Explosion einen Mann mittleren Alters von diesem Stromkasten klettern sehen. Aufgefallen war ihr der Vorfall auch, weil der Mann sich anschließend ohne Eile vom Ort des Anschlags entfernte – während zu diesem Zeitpunkt Menschen, die von der Druckwelle zu Boden gerissen waren, noch auf dem Asphalt lagen.

          Markante Kleidungsstücke wie eine weinrote Baseballkappe, die die verdächtige Person laut Zeugenaussage getragen haben soll, fanden sich auch bei Ralf S. Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück spricht angesichts der Vielzahl von Hinweisen von einer „erdrückenden Beweislast“. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigt Ralf S. die volle Schuldfähigkeit. Dafür spreche, dass er seine Tat über Monate geplant und vorbereitet habe. Der Angeklagte bestreitet die Tat indes vehement. Gegenüber der Polizei hatte er zu Protokoll gegeben, er habe zwar ein „gesundes Nationalbewusstsein“, aber nichts gegen Ausländer.

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