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40 Jahre alter Eritreer : In der Schweiz gefiel ihm „fast alles“

  • -Aktualisiert am

Gedenken an den getöteten achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof Bild: Wolfgang Eilmes

Der mutmaßliche Täter vom Frankfurter Hauptbahnhof lebte offenbar ohne besondere Auffälligkeiten in der Schweiz. Zu seinem Motiv schweigt er weiterhin.

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          Er wünsche sich, dass seine Kinder „ein besseres und leichteres Leben haben als ich“, wird Habte A. im Jahresbericht des Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH) 2017 zitiert. Der 40 Jahre alte Eritreer hat selbst drei Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren und wohnte mit seiner Familie in der Nähe von Zürich. Am Montag soll er in Frankfurt einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen Zug gestoßen haben. Der Junge starb noch am Bahnhof. Das Motiv für die Tat ist weiter unklar. A. galt als Musterbeispiel für eine gelungene Integration.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Im Jahr 2006 kam er in die Schweiz, beantragte Schutz, der 2008 bewilligt wurde. 2011 erhielt er eine „Niederlassungsbewilligung C“, den sogenannten Ausländerausweis mit unbeschränktem Aufenthaltsrecht. Er lernte Deutsch, gründete eine Familie, arbeitete zunächst in einer Schlosserei in Aarau. Schon in Eritrea war er als Schweißer tätig gewesen. Doch der Schlosserei in Aarau gingen die Aufträge aus, A. verlor seine Stelle.

          Eine unbefristete Stelle in der Karosseriewerkstatt

          Über ein Programm des Arbeiterhilfswerks für die Bezieher von Sozialhilfe kam er dann im April 2017 an eine unbefristete Stelle bei den Werkstätten der Züricher Verkehrsbetriebe (VBZ) in der Karosseriewerkstatt.

          Im Jahresbericht des Arbeiterhilfswerks ist A. drei Mal ganzseitig abgebildet, darunter auf dem Titelbild. Die SAH hat den Bericht mittlerweile aus dem Netz genommen. Zum Schutz der Familie, wie eine Sprecherin sagte. In der Schweiz gefalle ihm „fast alles“ wird A. in der Broschüre zitiert. „Mir gefällt, dass hier jeder Hilfe bekommt, egal ob er arm oder reich ist. Und jeder kann essen und die Existenz ist gesichert. Und die Schulbildung finde ich auch sehr gut. Hier ist die erste Welt.“ Zu seiner Arbeit sagte er: „Es wäre schön, wenn ich in 25 Jahren noch hier bin.“

          Von seinem Arbeitgeber bei den Verkehrsbetrieben wird er als „ausgezeichnet“ sowie als „engagiert und zuverlässig“ beschrieben. „Er hat mir von Anfang an einen sehr guten Eindruck gemacht“, wird sein Chef zitiert.

          In Wädenswil am Zürichsee lebte er offenbar ohne besondere Auffälligkeiten. Seit Anfang dieses Jahres war er dann krankgeschrieben, laut der Kantonspolizei wegen „psychischer Probleme“, deswegen war er auch in Behandlung. Seitdem hatte er nicht mehr gearbeitet. Was genau vorgefallen war, ist unklar. Die Kantonspolizei will in der Angelegenheit nichts mehr sagen, auch nichts zur Frage, ob eine Traumatisierung eine Rolle gespielt haben könnte. Es gebe keinen neuen Ermittlungsstand, sagte ein Sprecher – und verwies auf die deutschen Ermittlungsbehörden.

          Der Sprecherin der Staatsanwaltschaft Frankfurt zufolge sind die medizinischen Unterlagen noch in der Schweiz. Zu seiner Person habe A. zwar Angaben bei der Vorführung vor den Haftrichter gemacht, sagte die Sprecherin am Mittwoch. Zu einem möglichen Motiv für die Tat oder der Frage, warum er nach Frankfurt gekommen war, habe er sich aber nicht geäußert.

          Rund 13 Jahre unauffällig

          A. war in der Schweiz polizeilich rund 13 Jahre unauffällig geblieben, bis zum vergangenen Donnerstag. Da rückte die Kantonspolizei wegen eines Gewaltdelikts an den Wohnort von A., seine Frau hatte den Notruf gewählt, A. hatte sie mit den drei Kindern in der Wohnung eingesperrt. Eine Nachbarin hatte er zudem verbal sowie mit einem Messer bedroht und diese dann ebenfalls eingeschlossen.

          Der Gewaltausbruch sei „überraschend“ gewesen, zitierte die Polizei Ehefrau und Nachbarin. So hätten sie ihn „noch nie erlebt“. Die Polizei traf A. nicht an, er wurde in der Schweiz zur Fahndung ausgerufen.

          Gegenüber der deutschen Polizei sagte A. laut Staatsanwaltschaft, er sei vor einigen Tagen per Zug aus Basel nach Frankfurt gekommen. Wann genau das war, ob unmittelbar nach seiner Flucht aus dem Kanton Zürich oder erst später, ist ebenso unklar wie die Frage, wo er in Frankfurt unterkam.

          Kenntnis von ihm erlangten die deutschen Behörden offenbar erst, nachdem er am Montag, also vier Tage nach seinem Untertauchen in der Schweiz, in Frankfurt den achtjährigen Jungen sowie dessen Mutter vor den Zug gestoßen haben soll.

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wirft ihm nun Mord und zweifachen Mordversuch vor. Am Dienstagabend versammelten sich auf dem Vorplatz vor dem Frankfurter Hauptbahnhof Hunderte Menschen und gedachten des getöteten Jungen. „Es tut gut, diesen Tag heute nicht allein zu verbringen“, sagte Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und warnte vor einer Instrumentalisierung der „unfassbaren“ und „sinnlosen“ Tat.

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