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Mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher : Ärzte halten Demjanjuk für verhandlungsfähig

  • Aktualisiert am

Schon mehrfach vor Gericht: John Demjanjuk 2006 während einer Befragung in den Vereinigten Staaten Bild: AP

Der 89 Jahre alte John Demjanjuk, dem die Staatsanwaltschaft München Beihilfe zum Mord in mindestens 29.000 Fällen im Vernichtungslager Sobibor zur Last legt, ist nach einem ärztlichen Gutachten verhandlungsfähig. Noch im Juli wird die Anklage erhoben.

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          Dem Mordprozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk steht nichts mehr im Wege. Die ärztlichen Gutachter erklärten den 89 Jahre alten amerikanischen Staatsbürger jetzt für verhandlungsfähig. „Mit der Erhebung der Anklage ist noch im Juli zu rechnen“, teilte die Staatsanwaltschaft München I am Freitag mit. Der Prozess wegen Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden könnte dann im Herbst beginnen.

          Demjanjuk war im Mai aus den Vereinigten Staaten abgeschoben worden, nachdem er unter Hinweis auf verschiedene Krankheiten durch alle Instanzen dagegen geklagt hatte. Laut Münchner Staatsanwaltschaft war er 1943 als Aufseher im Vernichtungslager Sobibor am Massenmord direkt beteiligt.

          Er selbst bestreitet das und sagte, er sei als Sowjetarmist nur in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen. „Die Ärzte bejahen die Verhandlungsfähigkeit des Beschuldigten mit der Einschränkung, dass die Verhandlungsdauer pro Verhandlungstag zweimal 90 Minuten nicht übersteigen sollte“, erklärte Oberstaatsanwalt Manfred Nötzel. Demjanjuks Verteidiger sagte der Nachrichtenagentur AP, sein Mandant sei ständig in ärztlicher Betreuung. Er sei wacklig und sitze im Rollstuhl, könne aber ein paar Schritte gehen. Demjanjuk verstehe, was man ihm sage, aber manchmal höre er nicht zu und scheine vor sich hin zu träumen.

          Entscheidung quasi unanfechtbar

          Zur Prüfung der Verhandlungsfähigkeit war Demjanjuk von einem Medizin-Professor und einer Psychiatrie-Professorin ausführlich untersucht worden. Seine Verteidiger hatten sich mit den beiden Sachverständigen einverstanden erklärt, so dass die Entscheidung kaum noch anfechtbar ist.

          Demjanjuk war 1952 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hatte wegen einer Verwechslung mit dem berüchtigten KZ-Schergen „Iwan der Schreckliche“ von Treblikna in Israel bis 1993 sechs Jahre lang in der Todeszelle gesessen. In München drohen ihm bei einer Verurteilung wegen Beihilfe zum Massenmord bis zu 15 Jahre Gefängnis. Juristen erwarten, daß der Prozeß vor dem Schwurgericht im September oder Oktober beginnen könnte.

          Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, zeigte sich sehr zufrieden, dass Demjanjuk nun in Deutschland zur Verantwortung gezogen werde. Es sei wichtig, daß der Mann, „der sich aktiv an der Endlösung beteiligt hat, endlich eine angemessene Strafe bekommt“.

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