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Muslimisches Forum : Der Islam und die deutsche Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Differenzen zulassen: Ahmad Mansour in Berlin-Schöneberg Bild: Jens Gyarmaty

Das kürzlich gegründete „Muslimische Forum Deutschland“ will den humanistisch orientierten Muslimen eine Stimme verleihen. Die Idee sorgt für Aufsehen, doch was steckt dahinter?

          5 Min.

          Bisher ist das alles nur ein Versprechen. Das Versprechen eines Zusammenschlusses deutscher Muslime, der so liberal ist, dass Schiiten, Sunniten, aber auch Aleviten, Yeziden, ja sogar Christen zu den Erstunterzeichnern der Gründungserklärung des „Muslimischen Forums Deutschlands“ gehören. Und der, wie in es in dem Dokument heißt, offen ist für Unterstützung ungeachtet „des Migrationshintergrundes, der nationalen und ethnischen Zugehörigkeit, des Geschlechts und der sexuellen Orientierung“.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Das Aufsehen, für welches die Gründung sorgte, zeigt, welch ein Vakuum dieser Zusammenschluss füllt. Wie viel Platz offenbar neben den bestehenden muslimischen Verbänden in Deutschland vorhanden ist. Aber Form und Inhalte des Forums bleiben auch anderthalb Monate nach der Gründung diffus. Es gibt viel Aufmerksamkeit, eine wenig aussagekräftige Gründungserklärung – und noch nicht einmal eine Telefonnummer.

          „Wir sind ganz, ganz am Anfang“, sagt Ahmad Mansour. Mansour ist seit einigen Tagen Sprecher des Forums, und an ihm ist leicht zu erkennen, wie weit dieser Verbund entfernt ist von den konservativen Verbänden, die bisher für die Muslime in Deutschland sprachen. Mansour wuchs in Israel in einer arabischen Familie auf, als Jugendlicher stand er radikalen Islamisten nah, dann löste er sich von ihnen, studierte in Tel Aviv und Berlin Psychologie und arbeitet heute im Bereich der Salafismusprävention. Zum Gespräch im Berliner Stadtteil Schöneberg kommt der großgewachsene Mann in Lederjacke und T-Shirt.

          Jugendlichen eine Alternative zum Salafismus bieten

          Mansour arbeitet unter anderem bei Hayat (türkisch: „Leben“), in der „Beratungsstelle Deradikalisierung“. An ihn können sich Eltern wenden, deren Kinder sich entweder gerade radikalisieren, sich schon ins Ausland in den Dschihad abgesetzt haben oder zurückkehren wollen. Zurzeit rufen sehr viele Eltern an. Manche Jugendliche radikalisierten sich, weil sie sich in den Verbänden und Moscheevereinen nicht angesprochen fühlten, sagt Mansour. „Es gibt Inhalte, die in dem Mainstream-Islamverständnis vorhanden sind, die die Radikalisierung begünstigen.“

          Er nennt eine ganze Reihe von Themen: das Beharren auf der Opferrolle, unterschwelliger Antisemitismus, das Fehlen einer theologischen Debatte, Geschichtsklitterung, die Tabuisierung der Sexualität, die Angstpädagogik, aber auch der Buchstabenglaube, das Verbot kritischer Fragen. Diese Inhalte müssten diskutiert werden, um für Jugendliche auf der Suche nach Spiritualität eine Alternative zu den Salafisten zu bieten, sagt Mansour.

          In der Gründungserklärung heißt es, das Forum wolle sich für ein Islamverständnis einsetzen, „das mit unseren Grundwerten und der deutschen Lebenswirklichkeit übereinstimmt“. Zudem habe das Forum zum Ziel, „den humanistisch orientierten Muslimen eine Stimme zu verleihen“. Heißt das im Umkehrschluss, dass sich die bestehenden muslimischen Verbände, die Türkisch-Islamische Union (Dtitib) etwa, der Zentralrat der Muslime in Deutschland oder der Verband der Islamischen Kulturzentren, außerhalb der Grundwerte und der Lebenswirklichkeit aufhalten?

          Es müsse sich ein deutscher Islam etablieren

          „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zu den bestehenden muslimischen Verbänden“, sagt Mansour. „Wir haben auch nicht vor, alle Muslime in Deutschland zu repräsentieren.“ Aber es müsse sich ein deutscher Islam etablieren, „der sich ohne Wenn und Aber zu Demokratie und Menschenrechten bekennt“. Einen „offenen, Zweifel und Fragen zulassenden Islam“ fordert Mansour. „Einen Islam, der Differenzen zulässt und aushält.“

          „Der Islam ist in Deutschland viel bunter, als die Verbände ihn darstellen“, sagt auch Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler an der Universität Münster. Er leitet zusammen mit einem Tübinger Kollegen die Arbeitsgruppe des Forums für theologische Fragen. „Es fehlt eine Vertretung, die den Koran in seinem historischen Kontext versteht und ihn im 21. Jahrhundert lebendig macht.“ Khorchide hatte schon früher eine Modernisierung des Islams gefordert, woraufhin die Verbände vergeblich auf seine Absetzung drangen.

          Anders als die großen Kirchen und die jüdische Gemeinde besitzen Muslime in Deutschland keinen zentralen Ansprechpartner, und die bestehenden Verbände arbeiten wenig zusammen. Was sie eint, ist ein Misstrauen gegenüber der deutschen Öffentlichkeit. Das Gefühl, selten beachtet und oft missverstanden zu werden.

          Adenauer-Stiftung unterstützt das Forum

          Bei der Mahnwache am Brandenburger Tor nach den Pariser Anschlägen standen zwar Vertreter der Verbände neben jenen der Bundesregierung. Mansour kritisiert das. Mahnwachen und die Ablehnung von Terror machten die Verbände noch nicht zu wirklichen Partnern. „Sie sind unsere Partner, was die Deradikalisierungsarbeit angeht. Aber sie sind noch nicht die Partner für die Präventionsarbeit.“

          Von Seiten der Verbände wiederum wird das Forum mit Argwohn beäugt. Kritisiert wird vor allem, dass die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) die Gründung unterstützte. „Wenn die Konrad-Adenauer-Stiftung beabsichtigt hat, hier eine Religionsgemeinschaft zu gründen, ist das bar jedes deutschen Rechtsverständnisses“, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Schon in der Vergangenheit habe es eine Reihe solcher „politisch unterstützter Thinktanks“ gegeben. In sozialen Netzwerken heißt es dazu, die CDU wolle sich hier offenbar ihren „kuscheligen Wunschmuslim backen“.

          Ein staatlicher Eingriff in die Religionsfreiheit? Ein von dieser Seite doch erstaunlicher Vorwurf, wenn man bedenkt, dass Ditib, der größte muslimische Verband, als verlängerter Arm der türkischen Religionsbehörde Geld, Imame und sogar zum Teil den Inhalt der Predigten aus Ankara erhält. Der Vorwurf, eine staatsnahe Stiftung gründe sich den ihr gemäßen Verein, ist schlicht falsch, sagt Petra Bahr, Leiterin der Abteilung Politik und Beratung bei der KAS. Politische Stiftungen seien weder Staat noch Partei. Zudem habe die Stiftung „eine Plattform zur Verfügung gestellt, aber weder Einfluss auf die Auswahl der Teilnehmer noch auf die Inhalte genommen oder sie gar für die Gründung bezahlt“.

          „Wir sind kein Produkt der Konrad-Adenauer-Stiftung“, betont auch Mansour. Er habe bei vielen Stiftungen um Unterstützung gebeten. Die KAS habe keinen Einfluss genommen, nur die Treffen finanziell ermöglicht. Doch ganz glücklich ist man mit der Zusammenarbeit offenbar nicht. Auch nicht damit, dass die KAS die Gründung medial verbreitete. Weiterhin ist alles, was es zu dem Forum gibt, die Gründungserklärung – und die ist nur über die Website der CDU-nahen Stiftung abzurufen. „Auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung hat sich das ,Muslimische Forum Deutschland‘ gegründet“, steht unter dem Link. „Einige im Forum hätten mit dem Auftreten an die Öffentlichkeit etwas warten wollen“, sagt Abdul-Ahmad Rashid, ZDF-Journalist und Vorgänger Mansours als Sprecher des Forums.

          Forum will nun seine Positionen ausarbeiten

          Rashid ist nicht der einzige Journalist unter den Erstunterzeichnern der Gründungserklärung. Von einigen Seiten wird die Befürchtung geäußert, dass das Forum zwar viel Beachtung in den Medien finden wird, aber wenig in den muslimischen Gemeinden. In den nächsten Monaten würden daher in Gruppenarbeit Thesen ausgearbeitet, sagt Mansour: unter anderem zu den Themen Jugendarbeit, Radikalisierung, innere Sicherheit, Frauenrechte, Theologie, Menschenrechte und nicht zuletzt zur Vielfalt der Religionen. Im Herbst sollen die Ergebnisse präsentiert werden. Es sei eine riesige Aufgabe, daraus etwas zu machen, was auf Dauer funktioniere und die Debatten im Land ändere.

          Was das sein soll, ist aber offenbar weiterhin unklar. Manchen schwebt ein Thinktank vor, anderen, wie Khorchide, eine Religionsgemeinschaft. Rashid wiederum wünscht sich, dass das alles in einen „Deutschen Muslimtag“ mündet, vergleichbar mit den großen Kirchentagen. „Das Projekt eines Islams deutscher Prägung wird noch lange dauern“, sagt Rashid.

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