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Muslimischer Antisemitismus : Nichts gegen Juden, aber ...

Dass in den Heimatländern vieler Flüchtlinge antisemitisch gedacht wird, gilt als unstrittig. Repräsentative Umfrage hatten in der Vergangenheit ein eindeutiges Bild ergeben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge etwa befragte 779 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Eritrea und Afghanistan. Wohlklingende Zahlen waren darunter: 97 Prozent der Flüchtlinge lehnten religiös motivierte Gewalt ab. Jedoch stimmten auch 52 Prozent der Syrer und 54 Prozent der Iraker der Aussage zu: „Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.“ Auch Deutsche sind von solchen Überzeugungen keineswegs frei. Allerdings ist die Zustimmung zu der Aussage hierzulande seit Jahren mit 15 bis 25 Prozent weit geringer. Ähnlich groß ist dieser Unterschied zwischen Muslimen und der Gesamtbevölkerung in Belgien, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien, heißt es im Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus der Bundesregierung.

Als besonders gesellschaftsfähig gilt der Antisemitismus im Irak und in Syrien. Mitte 2013 führte die Anti-Defamation League eine Umfrage im Irak durch. 92 Prozent der Iraker stimmten darin sechs von elf antisemitischen Aussagen zu. 75 Prozent machten Juden „für die meisten Kriege in der Welt“ verantwortlich. In syrischen Schulen findet laut dem AJC-Bericht ein kruder Geschichtsunterricht statt. „Hitler wird hier als starker Führer porträtiert, der sich gegen die Juden zur Wehr setzte, die sich angeblich während der Weltwirtschaftskrise 1929 in Deutschland bereicherten“, heißt es vom AJC. „Diesen indoktrinierten Hass und Antisemitismus“ legten Flüchtlinge „selbstverständlich nicht an der Grenze ab“, sagt der Sprecher des Jüdischen Forums, Levi Salomon. Gleichwohl dürfe man das Problem des Antisemitismus nicht allein auf Flüchtlinge „abwälzen“.

Sorgen beim Zentralrat der Muslime

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist in Sorge angesichts der Bilder vom Brandenburger Tor. „Wer für das Recht und die Gerechtigkeit unter den Völkern demonstriert und gleichsam zu Gewalt gegen Juden oder sonst wen aufruft, der ist klar zu verurteilen, der hat sein Recht auf Demonstration verwirkt, weil er eine Straftat begeht“, sagt der Zentralratsvorsitzende Aiman Mazyek. „Wir haben dieses Problem längst erkannt“, deshalb organisiere der Zentralrat Patenschaften mit Flüchtlingen. Besuche des früheren Konzentrationslagers Buchenwald werden organisiert und Treffen mit jüdischen Zeitzeugen. Gerade weil Syrer und Iraker aus einer Diktatur geflohen seien, sei die Bereitschaft groß, die Propaganda des Regimes zu hinterfragen, sagt Mazyek. Ein anderes Projekt fördert Begegnungen junger Juden und Muslime. „Der Nahostkonflikt muss getrennt werden von dem Dialog und dem friedlichen Zusammenleben von Juden und Muslimen. Die Hardliner auf beiden Seiten machen das gerade nicht, sie importieren und instrumentalisieren den Nahostkonflikt und sähen so Unfrieden zwischen den Religionen.“ Aber: Wer waren diese Hardliner?

Auffallend war aus Sicht von Rias und Iibsa die hohe Zahl an türkischen Fahnen bei den Kundgebungen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte zuletzt mit drastischen Worten über Israel gesprochen, am Mittwoch sagte er, Israel sei ein Land, „das sich von Blut ernährt“. Zugleich hatte der Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland am vergangenen Donnerstag erklärt: „Der östliche wie der westliche Teil Jerusalems“ seien „arabisches muslimisches Land“ und im „Besitz aller Muslime weltweit“. Die Imame und Gelehrten in Deutschland wurden aufgerufen, bei den Freitagsgebeten in den Moscheen über Jerusalem zu sprechen. Am nächsten Abend brannte der Davidstern am Brandenburger Tor.

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