https://www.faz.net/-gpf-pl8r

Muslime : Türken in Berlin

  • Aktualisiert am

Türken in Berlin: Wie weit sind sie integriert? Bild: dpa

Die meisten Türken fühlen sich wohl in Berlin und identifizieren sich mit der Stadt. Trotzdem gibt es die Vermutung, daß Multikulti gescheitert sei.

          3 Min.

          Integration sei ein Prozeß von hundert Jahren, so lautet ein Wort von Barbara John. Sie war die erste Berliner und am Ende die dienstälteste Ausländerbeauftragte Deutschlands.

          Die CDU-Politikerin wurde 1981 vom damaligen Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker berufen und blieb unter wechselnden Stadtregierungen, bis Rot-Rot auf ihr Angebot verzichtete, zwei Jahre über die Pensionsgrenze hinaus ehrenamtlich weiterzuarbeiten. Ihr Nachfolger, Günter Piening, ist Soziologe, war Pressesprecher und Ausländerbeauftragter in Magdeburg, bevor er im vergangenen Jahr ihre Nachfolge antrat.

          Barbara John arbeitet seit einem Jahr als Ehrenamtliche in der Schulverwaltung und hilft dort nachzuholen, was in den frühen Jahren der türkischen Einwanderung versäumt worden ist: den Einwanderern Deutsch zu vermitteln und den Eltern unter ihnen die Vorteile von Bildung und Abschlußzeugnissen plausibel zu machen.

          Die Fehler sind evident

          Wie sehr moderne Medien den Einwanderern das geistige Verweilen in der Heimat ermöglichten, hätten die Deutschen viel zu spät bemerkt, sagte Frau John vor Jahren. Nun sind die Fehler evident, sie wettzumachen ist aufwendig. Das Bildungssystem habe „bestimmte Herausforderungen nicht gemeistert“, sagt Schulsenator Klaus Böger (SPD), der dieser Tage bekannte: „Ja, wir alle haben versagt.“ Politiker und Journalisten zählte er dazu, „die Gesellschaft“ insgesamt. Er forderte: „Wir müssen uns klarwerden, daß die europäischen Demokratien einen Wertekonsens haben, den es zu verteidigen gilt.“

          Berlins Ausländeranteil ist, verglichen mit dem anderer Großstädte, nicht hoch. Und doch gelangte kürzlich der Bezirksbürgermeister von Neukölln, der Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky, zu überregionaler Bekanntheit, weil er nach dem Mord an Theo van Gogh seine Beobachtungen und Sorgen in der Aussage zusammenfaßte, Multikulti sei gescheitert, es existierten Parallelgesellschaften, in denen Einwanderer alles „in ihren Heimatsprachen erledigen können“. Mit seinem Adieu an Multikulti produzierte er vor allem aus seiner Partei, der SPD, Widerspruch.

          13,4 Prozent der Berliner sind Ausländer, im Bezirk Mitte (in dessen ausländerreichstem Stadtteil Wedding liegt die Quote bei 32,6) beträgt die Quote 27,5 Prozent, in Friedrichshain-Kreuzberg 23,1 Prozent und in Neukölln 21,8 Prozent. Nur in den Jahren 1994, 1998 und 1999 lag die Zahl der Einbürgerungen über 12 000; seit 2000 beträgt sie zwischen 6000 und 7000 pro Jahr. Fast die Hälfte derer, die einen deutschen Paß beantragen, stammen aus der Türkei.

          Jeder fünfte Türke hat deutsche Staatsbürgerschaft

          Es sind die Türken, die traditionell gemeint sind, wenn in Berlin über Integrationsprobleme geklagt wird. Von den insgesamt 444.000 Ausländern unter den 3,4 Millionen Berlinern stammen 120.000 aus der Türkei, jeder fünfte Berliner Türke, hieß es vor zwei Jahren aus dem Haus der Ausländerbeauftragten, besitze inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit. Über achtzig Prozent von ihnen fühlten sich, das sagten sie bei einer Umfrage, in Berlin wohl, in ungewöhnlich hohem Maß identifizieren sie sich, wie vor einigen Jahren eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung ergab, mit der Stadt.

          Türkische Berliner sind wie andere Ausländer doppelt so oft arbeitslos wie der Durchschnitt, und viele haben keinen oder schlechte Schulabschlüsse. Inzwischen sieht man an Kreuzberger U-Bahn-Stationen Türkinnen die türkische Ausgabe des „Wachturms“ verkaufen.

          Mißtrauen wegen Zugehörigkeit zum Islam

          Die Berliner CDU, die ein schwieriges Verhältnis zu den Berliner Türken pflegte, entschied sich nun für eine Geste. Sie hat die türkischstämmige Emine Demirbüken-Wegner als Kandidatin für den Bundesvorstand nominiert. In der Integrationspolitik war Berlin nie Avantgarde, sondern gemütliches Abseits. Seit die Mauer fiel und die geschützten Soziotope in Kreuzberg und Wedding dem kalten Wind der Arbeitsmarktkrise und der staatlichen Finanzkrise ausgesetzt sind, tritt das Elend stärker hervor.

          Seit den Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten spielen nicht mehr die Herkunft und der Grad der Integration in die Gesellschaft die wichtigste Rolle in den Debatten über Ausländer in Berlin, sondern es ist die Zugehörigkeit zum Islam, die in der „Mehrheitsgemeinschaft“ auf Mißtrauen stößt. Knapp sechs Prozent der Berliner, 210 000 Personen, gehören zu einer der islamischen Gemeinden. Berlin hat das Tragen aller religiösen Symbole im öffentlichen Dienst verboten, dazu aber alle möglichen integrationsfördernden Maßnahmen beschlossen.

          „Kopftuchverbot diskriminiert gut integrierte Frauen“

          Barbara John argumentierte damals, das Kopftuchverbot diskriminiere gerade gut integrierte Frauen, und fragte, warum eigentlich nicht das Barttragen im öffentlichen Dienst verboten werde, schließlich trügen islamistische Fundamentalisten samt und sonders Bärte. Damit hat sie sich nicht durchgesetzt, doch hat sie mit ihrer Gelassenheit inzwischen Schule gemacht.

          Es wird, anders als bis in die neunziger Jahre hinein, als Debatten über Integrationsmängel peinlich vermieden wurden, neuerdings über Pläne für aufwendige Moscheeneubauten, über Zwangsehen, über die Abwesenheit von muslimischen Mädchen im Sportunterricht und über die Bedeutung von Kopftüchern offen diskutiert, auch kontrovers und ohne leichte Lösungen vor Augen.

          Niemand würde Anschläge wie in Madrid oder Morde wie in Amsterdam generell in Berlin ausschließen. Inzwischen aber warnt der SPD-Innensenator Ehrhart Körting davor, wie es früher die Ausländerbeauftragte tun mußte, die Gefahr, die von gewaltbereiten Islamisten ausgeht - ihre Zahl wird vom Verfassungsschutz auf 3700 geschätzt -, zusammen mit den Versäumnissen der Integration und den Versäumnissen der Einwanderer zu diskutieren.

          Weitere Themen

          Kommt es bald zu Lockerungen?

          Corona-Studie zu Heinsberg : Kommt es bald zu Lockerungen?

          Forscher um den Virologen Hendrik Streeck haben Zwischenergebnisse ihrer Corona-Studie vorgestellt: Behutsame Lockerungen scheinen möglich – unter strikter Einhaltung bestimmter Regeln.

          Topmeldungen

          Ungebrochene Nachfrage: Ein Kurier liefert in New York City Amazon-Pakete aus.

          Der Gigant und die Krise : „Amazon ist fast schon systemrelevant“

          Die Handelsplattform versorgt die Kunden in Corona-Zeiten mit dem Wichtigsten und baut ihre Marktanteile aus. Doch das Wachstum bringt auch Probleme mit sich. Noch ist nicht klar, wie der Onlinehandel nach der Krise aussehen wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.