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Sächsische Muslime : Fremd in der Heimat

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Unverschlossen: der Gebetsraum der muslimischen Gemeinde im Marwa-El-Sherbini Kultur- und Bildungszentrum. El Sherbini war eine Ägypterin, die während einer Verhandlung im Landgericht Dresden, von dem ausländerfeindlichen Angeklagten, erstochen wurde. Bild: Daniel Pilar

Nicht an jedem Muslim in der sächsischen Hauptstadt gehen die Pegida-Proteste spurlos vorbei. Alte Wunden reißen auf.

          7 Min.

          Es ist noch dunkel, als Mohammed Hassan am frühen Donnerstagmorgen das Marwa-El-Sherbini-Zentrum erreicht, um dort wie gewohnt das erste Gebet des Tages zu verrichten. Die obszönen, gegen den Propheten gerichteten Schmierereien an der Fassade des schlichten, kastenförmigen Baus bemerkt er sofort: „Mohamed ist eine Schwuchtel“ hat jemand über Nacht zweimal quer über die Wände des Gebäudes gesprüht. Das homophobe Schimpfwort war offenbar die schlimmste Beleidigung, die dem Täter auf die Schnelle einfiel.

          Erst am Mittwoch hatten die Rücktritte an der Spitze der islamfeindlichen Pegida-Bewegung die Dresdner Muslime hoffen lassen. „Wir dachten, wenn das mit Pegida nachlässt, dann kehrt Ruhe ein“, sagt Hassan, „aber wer auch immer hinter den Schmierereien steckt, wollte uns wohl zeigen, dass es noch nicht vorbei ist.“

          Dass Pegida in Dresden überhaupt so viel Auftrieb bekommen konnte, hat bei vielen hier alte Wunden aufgerissen. Das Marwa-El-Sherbini-Zentrum ist nach der jungen Ägypterin benannt, die 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal von einem rechtsradikalen Täter erstochen wurde. Der Mord traf die hier lebenden Muslime ins Mark, und die Gründer dieses Zentrums entschlossen sich spontan, ihre kurz vor der Eröffnung stehende Moschee El Sherbini zu widmen. Nun beten an manchen Freitagen bis zu 600 Menschen hier, fast ein Drittel der schätzungsweise zweitausend Muslime, die in Dresden leben.

          Abendessen gibt es an Klapptischen

          An einem Sonntag Mitte Januar toben nach dem Mittagsgebet Kinder unterschiedlichen Alters durch den mit rotem Teppich ausgelegten Gebetsraum. Ein Koch aus Libyen schneidet in der angrenzenden Küche Zwiebeln, zwei junge Frauen bereiten in Nebenräumen dem Arabischunterricht vor. Viele Mitglieder stammen aus Nordafrika und dem Nahen Osten und wünschen sich, dass ihre Kinder das Arabische nicht verlernen.

          Ein paar Stunden später sitzen alteingesessene Gemeindemitglieder neben jungen Studenten und Flüchtlingen aus Indonesien, Pakistan oder Syrien an provisorischen Klapptischen beim Abendessen. Es gibt würzige Nudelsuppe, knusprige Hähnchenschenkel und Reis. Später hält Imam Anas Ajaj eine Predigt. Er trägt Karohemd und Kapuzenjacke.

          Der lässig auftretende Imam stammt aus Syrien und studierte in Aachen Chemie. Danach bekam er ein Jobangebot in Dresden und bereitete gerade den Nachzug seiner Frau aus Damaskus vor, als der Mord an Marwa El Sherbini geschah: „Das lief ja damals auch im arabischen Fernsehen. Plötzlich sagten unsere Verwandten: Seid ihr verrückt, da wollt ihr doch nicht hin. Aber wir haben uns gedacht, man kann nicht eine ganze Stadt für die Tat eines Einzelnen verantwortlich machen.“

          An Demo-Tagen bleibt die Moschee geschlossen

          Eigentlich sei das eine gute Entscheidung gewesen, sagt Ajaj. Er sei zufrieden hier und habe sich meist akzeptiert gefühlt. Sein Unternehmen etwa habe ihm von Anfang an erlaubt, die Gebetszeiten einzuhalten. Doch in Zeiten von Pegida falle es ihm schwerer, die Dinge positiv zu sehen. Mit wachsenden Teilnehmerzahlen habe er ein immer mulmigeres Gefühl bekommen: „Ich höre plötzlich Dinge gegen uns, die ich früher nicht gehört habe. Und jetzt frage ich mich: Haben die Leute schon immer so gedacht?“

          Immer häufiger berichteten ihm Gemeindemitglieder von Beschimpfungen auf der Straße, in der Bahn, in Geschäften. Er mache sich nicht um sich selbst Sorgen, betont er: „Ich fühle mich sicher. Aber es sind auch viele Flüchtlinge bei uns, die sind gerade dem Krieg entkommen und fühlen sich jetzt wieder verfolgt.“ Kürzlich habe er entschieden, die Moschee an Demonstrationstagen zu schließen. Aus Sicherheitsgründen.

          Im Dresdner Marwa-El-Sherbini-Zentrum – Vor dem Gebet reinigen die Männer den Gebetsraum. Bilderstrecke

          Jetzt muss Anas Ajaj auch noch darauf reagieren, dass seine Moschee geschändet wurde. Er verstehe es als seine Aufgabe, die Gemeindemitglieder zu beruhigen, sagt er. Sie wollten sich nicht provozieren lassen, sondern die Ermittlungsergebnisse der Polizei abwarten.

          Wie entspannt die betroffene Gemeinde der aktuellen Schmähung begegne, sei bewundernswert, sagt Khaldun Al Saadi. Denn die Tat sei zutiefst verletzend und demütigend. Der 24 Jahre junge Mann ist Sprecher des Islamischen Zentrums von Dresden, der ältesten der drei muslimischen Gemeinden der Stadt. Er ist in Chemnitz geboren, sein Vater stammt aus dem Jemen, die Mutter ist gebürtige Sächsin.

          Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen ist der geschmackvoll gekleidete und eloquente Student zum Aushängeschild eines offenen, dialogbereiten und vertrauenerweckenden Islam geworden. Er hat zahlreiche öffentliche Auftritte gehabt, eine vielgelobte Rede bei der Kundgebung „Für ein weltoffenes Dresden“ kurz nach den Terroranschlägen von Paris gehalten, Debattenforen mitorganisiert und nebenbei immer wieder versucht, mit Pegida-Anhängern ins Gespräch zu kommen.

          „Sie wollen gehört und ernst genommen werden“

          An dem Montag, an dem in Dresden wegen einer Terrorwarnung alle Demonstrationen abgesagt wurden, sitzt Al Saadi in einen dunklen Wollmantel gehüllt und sichtlich erschöpft im Zug nach Leipzig. Dort studiert er Kommunikationswissenschaft und Arabistik und muss nun endlich mal wieder hin.

          Er könne verstehen, sagt er, wenn andere Gemeindevertreter lieber Abstand davon nähmen, sich mit Pegida auseinanderzusetzen. Schließlich seien alle schon seit Jahren in der Dialogarbeit aktiv: „Keine der Moscheen in Dresden schottet sich von der Gesellschaft ab, im Gegenteil. Deshalb ist es um so schockierender, dass sich so was wie Pegida hier breitmacht.“

          Er selbst versuche weiterhin, den Austausch voranzutreiben, auch wenn das mühsamer denn je sei. Bei einer Montagsdemonstration habe ein Mann im Gespräch mit ihm ständig Koranverse zitiert, die belegen sollten, dass der Islam zu Gewalt aufrufe. „Ihm habe ich einfach versucht zu erklären, dass ich ihn nicht umbringen will“, sagt Al Saadi trocken, „und das hat geholfen.“ Man dürfe nicht unterschätzen, was das eigentliche Bedürfnis dieser Menschen sei: „Sie wollen gehört und ernst genommen werden, doch Pegida bietet ihnen dafür keinen Raum, sondern einfach nur eine Ideologie.“

          Montags sollen sie zu Hause bleiben

          Doch nur knapp zwei Wochen später, an dem Tag, an dem er von den Schmierereien an der Moschee der befreundeten Gemeinde erfährt, klingt Al Saadi resigniert. Diese seien muslimfeindlich und homophob zugleich, und es sei zunächst unerheblich, wer dahinter stecke: „Wichtig ist, dass hier Minderheiten angegriffen werden, und dass dies in einem Klima geschieht, das durch Pegida noch verstärkt wurde.“ Die Bewegung habe muslim- und fremdenfeindliche Stimmung geschürt und müsse Verantwortung dafür übernehmen, dass Migranten und besonders Flüchtlinge, die als Muslime wahrgenommen werden könnten, sich kaum noch auf die Straße trauten - „Minderheiten leben in Angst, und was macht die Politik? Sie redet mit Pegida.“

          Mit den Ängsten von Flüchtlingen in Dresden kennt sich wohl kaum jemand so gut aus wie In-Am Sayad Mahmood. An einem Montagnachmittag Mitte Januar sitzt die 58 Jahre alte Sozialarbeiterin mit einem bunten Seidentuch ums Haar in einem Büro mit Blick auf die Dresdner Kreuzkirche und spricht mit einem ihrer Schützlinge. Obwohl vor ihrer Tür noch mindestens zwanzig weitere Menschen warten, nimmt sie sich im Moment besonders viel Zeit für ihre Klienten. Der junge Mann aus Syrien braucht Hilfe beim Ausfüllen seiner Formulare, aber er will auch erzählen von neulich, als er mit Freunden auf der Straße von pöbelnden Männern angegriffen worden sei. Die Betreuer im Flüchtlingsheim hätten ihnen geraten, montags lieber zu Hause zu bleiben.

          Solche Geschichten höre sie in letzter Zeit häufiger, erzählt Mahmood später. Vor ein paar Tagen sei ein syrischer Christ bei ihr gewesen, dessen Asylantrag gerade bewilligt wurde: „Der konnte sich gar nicht darüber freuen. Er hat erzählt, er träume manchmal davon, nach Syrien zurückzukehren und dort zu sterben, statt sich hier in der Fremde anfeinden zu lassen.“

          Dass Schutzsuchende sich in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen, schmerzt sie. Sie selbst floh vor 18 Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland, weil ihr Mann unter dem Baath-Regime verfolgt wurde. In Dresden wurde sie trotz anfänglicher Schwierigkeiten schnell heimisch und begann schon bald, anderen Flüchtlingen zu helfen. Für ihre Bemühungen wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Man habe so viel erreicht, seufzt sie, und dann komme Pegida und mache alles kaputt.

          Demonstranten gegen abgehängte Kruzifixe

          Bei vielen türkischstämmigen Muslimen ist die Sorge vor Pegida vergleichsweise gering, was wohl vor allem damit zu tun hat, dass sie fester in Deutschland verwurzelt sind als die meist erst später zugewanderten Migranten aus Nordafrika oder dem Nahen Osten. Yusuf Sengün etwa, ein junger Geschäftsmann, der im Allgäu aufwuchs und seit ein paar Jahren in Dresden wohnt, lässt sich noch nicht mal davon die Laune verderben, dass sein alter Freund Thomas bei Pegida-Demonstrationen mitläuft.

          Die beiden sitzen zusammen im Efes Kebap Team, einem Dönerrestaurant in der Innenstadt, und trinken schwarzen Tee, während Thomas – seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen – versucht zu erklären, warum er mit Pegida sympathisiere. Dass Muslime nur 0,1 Prozent der Bevölkerung in Sachsen ausmachten, sei unwichtig, er mache sich Sorgen wegen der „Beschneidung der Bürgerrechte in ganz Europa“. Er habe gehört, dass Weihnachtsmärkte umbenannt würden und dass in Gerichtssälen Kruzifixe abgenommen würden, wenn Muslime den Gerichtssaal betreten.

          So etwas gehe ihm gegen den Strich, auch wenn er sonst nichts gegen den Islam habe. Sengün lächelt amüsiert, fast so, als seien die diffusen Ängste seines Freundes der beste Beweis für die Unzulänglichkeit der Bewegung. Dann erklärt er, warum er nicht gegen Pegida demonstriert habe: „Wenn ich mich gegen diese Menschen wehren wollte, dann wüsste ich ja gar nicht, gegen wen ich mich da wehre. Das sind ja die unterschiedlichsten Frustbürger, mit den unterschiedlichsten Problemen.“

          Es tue ihm leid, sagt Thomas, dass „Nazis, Hooligans und andere Idioten“ bei Pegida mitliefen, aber das ändere nichts daran, dass Themen wie Zuwanderung und Kriminalität wichtig seien. Restaurantchef Cumali Özadanir, der sich inzwischen mit an den Tisch gesetzt hat, guckt skeptisch. Er wolle das jetzt lieber auf Türkisch erzählen, sagt er und berichtet dann von einem seiner Stammgäste, einem älteren türkischen Mann, der neulich auf offener Straße von einem jungen Deutschen geohrfeigt wurde.

          Wenn es nur gegen Kriminelle ginge, würde er mitlaufen, sagt Özadanir: „Drogenhandel, Diebstahl, das sind alles Probleme, die uns auch betreffen!“ Doch stattdessen beleidige Pegida seine Religion und erzeuge eine Stimmung, die sich auch gegen rechtschaffene Bürger wie ihn richte. Er habe sich selbst schon dabei ertappt, wie er nervös werde, wenn er abends unterwegs sei und Schritte hinter sich höre. Die türkisch-muslimische Ditib-Gemeinde, in der er aktiv ist, wolle sich aus der Debatte dennoch raushalten, erklärt Sengün: „Wir sollten uns als Religionsgemeinschaft nicht in politische Geschehnisse einmischen, sondern den Politikern vertrauen, dass sie die richtigen Antworten finden.“

          Muslime hoffen auf Polizeischutz

          Khaldun Al Saadis Vertrauen müssen die Politiker seines Heimatlandes erst wieder zurückgewinnen. Besonders von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich ist er tief enttäuscht: „Als ich bei der gemeinsamen Kundgebung versucht habe zu erklären, wie wir Muslime uns fühlen, stand Ministerpräsident Tillich direkt neben mir auf der Bühne. Und nur ein paar Wochen später höre ich, wie er sagt: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Warum wird man hier nicht für voll genommen?““ Die Folgen, die er in seiner eigenen Gemeinde mitbekomme, seien fatal: „Es gibt Mitglieder, die werden depressiv, es gibt welche, die haben Angst, und es gibt andere, die haben sich innerlich schon verabschiedet von diesem Land.“

          Die Fassade des Marwa El Sherbini Zentrums soll in den kommenden Tagen erneuert werden, Studenten der TU Dresden haben dabei ihre Hilfe angeboten. Das Gebäude war nicht versichert, da die Spenden der Besucher, mit denen sich das Zentrum finanziert, dafür nicht ausreichten. Die Gemeinde wartet nun auf ein Signal von Seiten der Regierung. Einige Mitglieder hoffen auf Polizeischutz, damit sie sich in ihrer Moschee wieder sicher fühlen können.

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