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Mordfall Lübcke : Verbindungen zum NSU?

Juli 2019: Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke, Stephan Ernst, nach einem Haftprüfungstermin beim Bundesgerichtshof Bild: dpa

Im Zusammenhang mit dem Mord an Walter Lübcke könnte auch ein anderer Fall noch einmal aufgegriffen werden: Die Tötung von Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé durch den NSU.

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          Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübckes, Stephan Ernst, könnte auch der NSU-Komplex abermals aufgegriffen werden, wie die F.A.Z. aus Sicherheitskreisen erfahren hat. Da vor allem die rechtsextreme Szene Nordhessens im Fokus steht, könnte es insbesondere um den Mord an Halit Yozgat gehen. Er war im April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel ermordet worden, als dort auch ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, anwesend war. Dieser will weder von der Tat etwas mitbekommen noch den sterbenden Yozgat gesehen haben.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Unabhängig von dem Ermittlungsverfahren im Fall Lübcke prüfen Ermittler offenbar, welche tiefer gehenden Verbindungen Ernst in die nordhessische, aber auch bundesweite Neonazi-Szene gehabt hat. Das betreffe den NSU-Komplex ebenso wie Verbindungen zu der inzwischen verbotenen rechtsextremistischen Vereinigung Combat 18. Derzeit würden zahlreiche Datenträger ausgewertet, die vergangene Woche sichergestellt worden seien.

          Mit Blick auf den NSU spricht auch Generalbundesanwalt Peter Frank davon, dass sich nach dem Mord an Lübcke neue „Anfasser“ ergeben hätten, vor allem in Bezug auf Halit Yozgat. Zugleich betonte Frank am Montagabend in Karlsruhe, der „Aktendeckel“ sei beim NSU nie geschlossen worden.

          Dem Vernehmen nach gehen die Strafverfolgungsbehörden davon aus, dass Stephan Ernst auch in jüngerer Vergangenheit tief in der nordhessischen Neonazi-Szene verankert war. Zudem glauben sie, der Verdächtige könne über die schon bekannten Delikte hinaus schwere Straftaten verübt oder zumindest unterstützt haben.

          Nach wie vor ungeklärt ist die Rolle des hessischen Verfassungsschutzes. Eigenen Angaben zufolge hatte die Behörde Ernst zuletzt nicht mehr im Blick. Unstimmigkeiten hat es offenbar auch bei der Übermittlung von Erkenntnissen des Amtes an die Bundesanwaltschaft gegeben, wie am Dienstag bekannt wurde. Ein Bericht, den der Verfassungsschutz nach dem Auffliegen des NSU erstellt hatte und den die Bundesanwaltschaft unmittelbar nach dem Mord an Lübcke anforderte, ging offenbar erst Monate später dort ein.

          Ungeachtet der neuen Einlassungen Ernsts wird die Bundesanwaltschaft mutmaßlich schon innerhalb der nächsten Wochen Anklage erheben. Gewissen Anhaltspunkten müsse man noch nachgehen, wie es sich für objektive Ermittlungen gehöre. Am Tatverdacht habe sich aus seiner Sicht aber nichts geändert, sagte Frank.

          Auch der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof hält Ernst weiterhin für dringend mordverdächtig. In einem Anfang der Woche veröffentlichten Beschluss heißt es, eine „plausible Erklärung für die geänderte Einlassung“ gebe es nicht. Nach seiner Festnahme vergangenen Juni hatte Ernst zugegeben, den Kasseler Regierungspräsidenten aus politischen Gründen erschossen zu haben. Später zog er das Geständnis zurück und sagte, Markus H., ein weiterer Beschuldigter, habe Lübcke versehentlich erschossen.

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