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Aufs Gleis gestoßen : Mord im Hauptbahnhof

Feuerwehrleute spannen im Hauptbahnhof eine weiße Plane als Sichtschutz vor den ICE, vor den ein Kind und seine Mutter gestoßen wurden. Bild: dpa

Indem Bundesinnenminister Horst Seehofer seinen Urlaub für eine Krisensitzung unterbrach, gab er ein politisches Zeichen. Der öffentliche Mordanschlag auf Kind und Mutter im Frankfurter Hauptbahnhof hat dieses Zeichen verdient.

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          Zwei Mütter sind binnen weniger Tage vor einfahrende Züge gestoßen worden. In Voerde überlebte das Opfer die Tat nicht. Jetzt in Frankfurt konnte sich die Mutter gerade noch, verletzt, vor einem einfahrenden ICE retten – ihr acht Jahre alter Sohn wurde überfahren. Die Ermittlungen stehen erst am Anfang. Doch in beiden Fällen handelt es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Männer, die ihre Opfer wohl nicht kannten. In Frankfurt versuchte der Verbrecher offenbar, eine weitere Person auf das Gleis zu stoßen.

          Der Schrecken ist groß, weil er so unvermittelt auftritt – an Bahnhöfen, also lebendigen Orten des Aufbruchs und Ankommens. Öffentliche Plätze haben ihre Unschuld seit den Anschlägen vom 11. September 2001 verloren.

          Natürlich waren Marktplätze und Bahnhöfe zuvor auch Stätten der Kriminalität. Aber erst seit den islamistischen Attentaten mit dem Ziel, möglichst viele Passanten an öffentlichen Orten zu töten, besteht auch hier besondere Wachsamkeit. Nur um ein Haar sind vor Jahren Bomben in zwei Vorortzügen in Nordrhein-Westfalen nicht explodiert. In letzter Zeit hatte sich die Lage etwas entspannt.

          Welches Weltbild steckt hinter der Tat?

          Schrecken verbreitet sich freilich auch ohne eine besondere politische Motivation der Täter. Geisteskranke oder perfide Mörder, die Menschen wahllos auf Gleise stoßen, sind kein neues Phänomen. Fassungslos machen eben auch die zeitliche Nähe zweier Taten und ähnliche Umstände.

          Der Täter von Voerde war offenbar ein in Deutschland geborener Serbe, selbst Vater mehrerer Kinder. Der in Frankfurt gefasste mutmaßliche Mörder stammt aus Eritrea. Welches Weltbild bringt einen Menschen dazu, eine Mutter und ihren kleinen Sohn vor einen Zug zu werfen?

          Jeder weiß, dass es vor solch heimtückischen Überfällen aus dem Nichts keinen sicheren Schutz gibt. Aber mancher dürfte sich nun auf dem Bahnsteig anders postieren und sich misstrauisch umschauen. Zwei mörderische Einzelfälle, in deren Folge viele Menschen betreut werden mussten, verändern die allgemeine Sicherheitslage in der Sache nicht wesentlich. Aber auch hier geht es um Sicherheit.

          Indem Bundesinnenminister Horst Seehofer seinen Urlaub für eine Krisensitzung unterbrach, gab er ein politisches Zeichen. Der öffentliche Mordanschlag auf Kind und Mutter im Frankfurter Hauptbahnhof hat dieses Zeichen verdient.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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