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Mord an Walter Lübcke : Die alten NSU-Wunden sind noch nicht verheilt

Das Internetcafé in Kassel ein paar Tage nachdem der Besitzer Halit Yozgar ermordet wurde. Bild: dpa

Die Menschen in Kassel kennen rechtsextremistischen Terror durch den NSU. 2006 wurde dort Halit Yozgat ermordet. Der Fall Lübcke weckt Erinnerungen. Wie geht die türkische Gemeinschaft damit um? Ein Besuch vor Ort.

          Forstfeld ist ein Stadtteil, in dem die Einfamilienhäuser mit Buchsbaumhecken abgegrenzt sind und Johannisbeersträucher im Garten wachsen. „Felix, lauf mal schneller, wir wollen Eis essen“, sagt ein Vater zu seinem Sohn und schiebt ihn mit der Hand am Rücken an. Keine Kriminalität, keine Drogen. „Drogen, die gibt’s eher auf der Holländischen Straße“, sagt jemand. Hier sei es ruhig. Zumindest war es das bis vor ein paar Tagen.

          Am Wochenende wurde Stephan E. hier von der Polizei festgenommen. Er wird verdächtigt, den Regierungspräsidenten der Stadt Kassel, Walter Lübcke, ermordet zu haben. Lübcke wurde durch seine Äußerung auf einer Bürgerversammlung 2015, bei der es um Flüchtlinge ging, zu einer Hassperson der rechten Szene. Woher der mutmaßliche Täter kam, das haben auch die Nachbarn mitbekommen. Er wohnte in diesem Viertel. „Ich fühle mich unsicher. Mein Sohn geht jeden Morgen die Straße entlang“, sagt eine Anwohnerin. „Hier in der Nachbarschaft, da passen wir gegenseitig auf die Häuser auf“, sagt eine andere. Viele seien jetzt schockiert darüber, was gerade hier, in dieser ruhigen Gegend, passiert sei. Zwar sei es am Anfang schwer, mit den Nachbarn in Kontakt zu kommen, aber nach einer Zeit kenne doch jeder jeden.

          In der direkten Nachbarschaft hat sich die Nachricht von der Festnahme des mutmaßlichen Lübcke-Mörders schnell verbreitet. Doch das ist längst nicht überall so. In einem nahegelegenen Döner-Imbiss ist der Name Lübcke kein Begriff. „Was, erschossen wurde der?“, fragt der Mann hinter der Theke.

          Ein paar Stadtteile weiter, in der Kasseler Nordstadt, auf der Holländischen Straße. Hier wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat in seinem Internetcafé erschossen, vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Yozgat war eines von zehn Opfern der rechtsterroristischen Vereinigung. Der NSU mordete jahrelang in Deutschland. Und das unbehelligt. Aus dem Internetcafé Halit Yozgats ist inzwischen ein Honigladen geworden. Kaum etwas erinnert noch an den 6. April 2006, den Tag, an dem Yozgat erschossen  wurde. Eine Biene und Honigwaben wurden auf die Fassade gemalt. Hier wird jetzt Stadthonig verkauft.

          Auf der Höhe der Straßenbahnhaltestelle „Halitplatz“ unterhalten sich zwei junge Männer vor einem Kiosk. Sie sagen, die Nazis seien momentan nicht das Problem. Das sagen sie, obwohl sie, wie sie erzählen, im Alter von sieben Jahren von der Neonazi-Vereinigung „Sturm 18 Cassel“ durch die Straßen gejagt worden seien. Über den vermeintlichen Mörder von Lübcke machen sie sich keine Gedanken. „Wir leben hier. Wir müssen vor nichts Angst haben.“

          Trotzdem weckt der Fall Lübcke bei vielen in der Stadt Erinnerungen an den NSU. Jetzt, da klar ist, dass der verdächtige Festgenommene enge Verbindungen zur rechtsextremen Szene hat. Wie geht es den Menschen damit? Wie geht es denen, die Halit Yozgat kannten?

           Stephan E. ist im Gefängnis in Kassel in Haft.

          Ein paar Stunden später, ein türkisches Café im Osten der Stadt. Nicht weit von hier wurde der mutmaßliche Täter am Wochenende aufgegriffen. Männer treffen sich hier nach der Arbeit, trinken Kaffee oder Wasser und rauchen. Ein Café, wie man es so auch in Dortmund, Berlin-Neukölln oder Offenbach finden könnte. Zwei spielen Karten, sonst ist der Raum leer. „Was, hier in der Gegend soll der Täter gewohnt haben?“, fragen sie. Einer hat aus den Nachrichten von dem Tod des Regierungspräsidenten gehört. Zwei Männer kommen herein, setzen sich und erzählen. Einer von ihnen hat die Entwicklungen im Fernsehen verfolgt. Doch viele andere informieren sich nicht, sagt er, manchmal hören sie erst eine Woche später davon. „Doch was passiert ist, verwundert keinen. Für uns ist das ziemlich normal.“ Er denkt zurück an damals, als der NSU mordend durch Deutschland zog. „Solange es Ausländer trifft, ist es scheißegal“, sagt er.

          Für die türkische Gemeinschaft in Kassel sei immer klar gewesen, dass ein Netzwerk hinter den Morden gesteckt habe, sagt der Mann. Aber niemand habe zugehört. „Wir können nichts ändern.“ Erst nach dem Selbstmord von Böhnhard und Mundlos kam heraus, dass es sich nicht um einzelne Morde, sondern um eine rechte Terrorserie gehandelt hatte.

          „Die Akten, die sind immer noch nicht offen“, sagt der Mann. Eine Akte zum NSU wird vom Verfassungsschutz bis 2134 unter Verschluss gehalten. Der Mann, der neben ihm sitzt, schweigt zunächst. Doch dann erzählt er, dass er Halit Yozgat gekannt habe. Er sei mit ihm befreundet gewesen, habe ihn manchmal auf der Holländischen Straße getroffen. Der Vater des NSU-Opfers, Ismail Yozgat, organisiere jedes Jahr eine Gedenkfeier, erzählt er. Das Internetcafé hatte er damals neu für seinen Sohn aufgemacht.

          Der Mann im Café vermutet auch hinter dem Fall Lübcke ein größeres Netzwerk. „Ich glaube, das kann keiner alleine machen.“ Was ihn und seinen Bekannten aufwühlt: In diesem Fall wurde der vermeintliche Täter – anders als im Fall Yozgat – innerhalb weniger Tage gefasst. „Jetzt geht es schnell, wo es sich um einen Politiker handelt. Damals hat alles viel zu lange gedauert“, sagt einer der beiden. Was passierte damals? Behördenversagen, Untersuchungen an der falschen Stelle. „Jeder mit dem Namen Yozgat wurde festgenommen und stundenlang verhört“, erzählen die Männer. Dazu habe auch der Rassismus beigetragen, der immer noch existiere.

          Aus dem Internetcafé Halit Yozgats ist inzwischen ein Honigladen geworden.

          Der Fall Lübcke lässt bei vielen in der türkischen Gemeinde ein altes Gefühl hochsteigen, das Gefühl, anders behandelt zu werden. Einer sagt: „Am Flughafen, bei der Polizei, überall werde ich komisch angeschaut, nur weil ich einen Bart habe.“ Viele Deutsche würden das gar nicht verstehen. „Wenn ein Ausländer eine Tat begeht, ist er ein Radikaler. Ist es ein Deutscher, schreiben die Zeitungen nach ein paar Tagen, dass der Täter psychische Probleme hatte.“

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