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Tod Luxemburgs und Liebknechts : Noske, der wird schießen

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Der Jurist Otto Kranzbühler, Marinerichter während der Nazi-Zeit, Verteidiger von Dönitz und Krupp bei den Nürnberger Prozessen, hatte am 17. Dezember 1968 eine Unterredung mit Pabst und berichtete ein knappes Vierteljahrhundert später in einem Brief an den Sozialwissenschaftler Klaus Gietinger von diesem Gespräch – seit Jahrzehnten war Gietinger eine Art One-Man-Band bei der Erforschung der Rolle Gustav Noskes. In dem Brief stand, Pabst habe ihm, Kranzbühler, versichert, dass er vor seiner Entscheidung, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermorden zu lassen, Noske angerufen habe. „Dieser habe ihn zunächst aufgefordert, die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der beiden Gefangenen einzuholen, und nach der Einwendung Pabsts, ,die werde er nie bekommen‘, mit den Worten reagiert, dann müsse er selbst verantworten, was zu tun sei.“

Der Umgang mit der eigenen Geschichte

Und Noske? In seinem Buch „Von Kiel bis Kapp“, erschienen 1920, berichtet er von den Dahlemer Tagen. Hauptmann Pabst nennt er „einen der rührigsten Offiziere“. Über die Morde schreibt er: „Zu erklären ist der Mord an Rosa Luxemburg und die Tötung Liebknechts nur aus der wahnwitzig erregten Stimmung jener Tage in Berlin. Wie ein Ruheloser war Liebknecht ein paar Wochen lang in der Stadt herumgerast. Er und Frau Luxemburg waren Hauptschuldige daran, dass die unblutig begonnene Umwälzung zum Bürgerkrieg mit allen seinen Scheußlichkeiten ausartete . . . Wahrheit ist, dass in jenen Schreckenstagen Tausende die Frage aufgeworfen hatten, ob denn niemand die Unruhestifter unschädlich mache.“

Vor wenigen Wochen hat also die SPD-Vorsitzende Nahles darüber gesprochen, dass es als wahrscheinlich gelte, dass Noske bei den Morden die Finger im Spiel gehabt habe. Frage an die SPD: Kann man Gustav Noske von Friedrich Ebert abtrennen – und wie will die Partei der beiden am 100. Todestag gedenken? „In der historischen Nachschau betrachtet, hat die Politik Gustav Noskes rechtsextremen Kräften Auftrieb gegeben und die Arbeiterbewegung geschwächt“, heißt es von der Partei. „Einige Historiker gehen auch von einer Verwicklung seiner Person in die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts aus.“ Genaue Beweise hierfür gebe es nicht, gleichwohl habe „eine enge Nähe“ Noskes zu den Freikorps bestanden.

Zu der Frage, ob man Friedrich Ebert, immerhin über Monate Vorgesetzter von Noske, nicht in die Kritik einbeziehen müsse, äußerte ein SPD-Sprecher, eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei an dieser Stelle angebracht. Geschichtliche Ereignisse müssten aber auch aus der Zeit heraus betrachtet werden: „So hat die Parteivorsitzende die Rolle Friedrich Eberts gewürdigt, Ordnung und Recht in der jungen Demokratie durchzusetzen und weiteres Blutvergießen zu vermeiden.“ Das Blutvergießen – hatte es nicht mit den Morden an Luxemburg und Liebknecht erst richtig begonnen? Tausende starben in den nächsten anderthalb Jahren durch Freikorps-Exzesse.

Es scheint, als gebe es durchaus ein neues Nachdenken über die erstickte Revolution von 1918/1919, zu der auch die Morde vom 15. Januar 1919 als trauriger Höhepunkt gehören. Dem 100. Jahrestag, Sebastian Haffner, Klaus Gietinger, Andrea Nahles und anderen sei es gedankt. Die Frage, wie die SPD des Jahrestags der Morde in wenigen Tagen gedenken will, blieb allerdings unbeantwortet.

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