https://www.faz.net/-gpf-7jylw

Möglicher Bundesminister Dobrindt : Die Nebenrolle seines Lebens

  • -Aktualisiert am

Hirschfänger in der Lederhose

Dramaturgisch ist der Wechsel Dobrindts in eine neue Aufgabe bestens vorbereitet; er kommt für das Publikum nicht überraschend. Manche mögen es für übertrieben gehalten haben, wie Seehofer nach den Wahlen seinen Generalsekretär als einen Genius des Wahlkampf lobte. Er flocht im Akkord Lorbeerkränze für Dobrindt – als habe der Generalsekretär als Erster bemerkt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen mehrstündige Wahlkampfreden allenfalls Zuhörer begeistern, die über die Gabe verfügen, auf unbequemen Bierbänken ein Nickerchen zu halten. Allerdings verbarg sich dahinter ein erzählerischer Faden, ohne den die aktuellen Folgen von „Alexander Dobrindt“ nicht zu verstehen sind.

In dem bayerischen Heimatkrimi „Kreuther Rauhnacht“ war Edmund Stoiber eine Schwäche in den politischen Grundrechenarten zum Verhängnis geworden. Er vertraute darauf, dass sich Günther Beckstein und Erwin Huber gegenseitig regelmäßiger Leibesvisitation unterzögen, ob nicht – strikt metaphorisch gesprochen – ein Hirschfänger in der Lederhose verborgen war. Der Ausgang ist bekannt. Der listenreiche Seehofer hat daraus seine Lehren gezogen – er potenziert die Zahl der möglichen Verschwörer: Markus Söder, Ilse Aigner, Christine Haderthauer und jetzt auch noch Alexander Dobrindt. Vier Putschisten können sich nicht verbünden, um zwei Positionen - Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender – unter sich aufzuteilen.

Kein Überzeugungsbayer

Dobrindt passt fast idealtypisch in den Spannungsbogen, mit dem Seehofer sein politisches Überleben bis zum Ende der bayerischen Legislaturperiode 2018 sichern will. Söder und Haderthauer – beide waren auch einmal CSU-Generalsekretäre – ist der Ehrgeiz auf die Stirn geschrieben. Sie mit Aigner und Dobrindt auszubalancieren dürfte eine brillante Dramaturgie sein. Aigner kann als politische Unschuld vom Land, der nichts fremder ist als Ranküne, glänzen und Dobrindt weiter daran arbeiten, dass sein auffallendstes Merkmal seine Unauffälligkeit ist.

Der 43 Jahre alte Dobrindt verkörpert eine Generation, die den Beruf des Politikers erlernt hat so wie andere den des Bäckermeisters oder des Atomphysikers. Er hat die üblichen Stationen in der Jungen Union und der CSU absolviert, bevor er 2002 in den Bundestag gewählt wurde. Diplomsoziologe ist sein höchster Bildungsabschluss. Früher hieß es in der CSU: Wenn schon Diplom, dann Diplombrauer. Doch die CSU ist, auch wenn sie sich noch sehr um das Gegenteil bemüht, längst eine Partei wie jede andere geworden. Dazu gehört auch, dass Dobrindt seine phänotypischen Anfänge als Wiedergänger von Franz Josef Strauß hinter sich gelassen hat – und in Auftreten und Habitus als Vorstandsassistent eines Großunternehmens durchgehen könnte.

Seine Mitgliedschaft im Schützenverein und im Knappenverein seines oberbayerischen Heimatorts Peißenberg sind folkloristische Beigaben; von Peter Gauweiler, dem Überzeugungsbayern, ist Dobrindt so weit entfernt wie ein Unternehmensberater von Buschleuten in der Kalahari-Wüste. Zumindest im Augenblick: Spätestens in der übernächsten Staffel der Serie „Alexander Dobrindt“ könnten die eng geschnittenen dunklen Anzüge und die große Brille wieder in den Fundus wandern. Der „Bayernkurier“ hat jetzt auf seiner ersten Seite ein Bild mit Dobrindt veröffentlicht, wie er vor seinem Relaunch aussah; als Programmzeitschrift ist das Zentralorgan der CSU verlässlich.

Weitere Themen

„Juneteenth“ zum Gedenken an das Ende der Sklaverei Video-Seite öffnen

Amerikanischer Feiertag : „Juneteenth“ zum Gedenken an das Ende der Sklaverei

In Amerika ist der 19. Juni, an dem unter dem Namen „Juneteenth“ an das Ende der Sklaverei erinnert wird, fortan ein nationaler Feiertag. Der amerikanische Präsident Joe Biden unterzeichnete im Weißen Haus ein entsprechendes Gesetz, das vom Kongress mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden war.

Topmeldungen

Zurzeit ein teurer „Spaß“: Häuser in einem Neubaugebiet in Frankfurt am Main

Hauskauf in der Metropole : Wenn das Eigenheim nur eine teure Seifenblase ist

Ist es sinnvoll, wenn sich Eltern an der Finanzierung von Eigenheimen ihrer Kinder beteiligen? Nicht immer – denn auch Gutverdiener können sich in Großstädten nicht ohne weiteres ein Reihenhaus leisten, wie unser Kolumnist vorrechnet.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.