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Mitschüler der Kanzlerin : Die Generation Merkel

Sie wurden Veterinäringenieure oder Lokschlosser, nach der Wende dann Ärzte, Manager oder Professoren: Merkel 1971 mit ihren Mitschülern der Erweiterten Oberschule Templin Bild: Reproduktion und Hervorhebung Hannes Jung

Am Donnerstag feiert die Kanzlerin ihren 60. Geburtstag. Das Mädchen aus der Uckermark hat es bis zur Regierungschefin geschafft. Und wie ist es denen ergangen, die mit ihr gestartet sind? Hausbesuche bei ihren ehemaligen Mitschülern.

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          Vor einer Woche kehrte Angela Merkel vom Staatsbesuch aus China zurück. Ein Bild davon ist besonders in Erinnerung geblieben; in allen Tageszeitungen war zu sehen, wie sie in ihrem hellblauen Blazer neben einem Koch steht, der Kung-Pao-Huhn zubereitete. Die Kanzlerin probierte mit Stäbchen, und die Weltöffentlichkeit guckte zu.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am gleichen Tag steht Hartmut Hohensee in Dresden in seiner Praxis und behandelt Patienten im Minutentakt. Und in Templin kommt Elke Schulz gerade von ihrer Mutter, für die sie jeden Vormittag sorgt. Merkel, Schulz und Hohensee haben vor gut 40 Jahren zusammen Abitur gemacht. 20 Schüler waren sie, elf Mädchen und neun Jungen, in der Klasse 12b in der Erweiterten Oberschule (EOS) „Hermann Matern“ in Templin, diesem idyllischen Städtchen in der Uckermark. Danach schwärmten sie aus in das kleine Land, das DDR hieß. Aus den Augen aber verloren sie sich nie. Alle zwei bis fünf Jahre machen sie ein Klassentreffen, das war schon vor dem Mauerfall so.

          „Wir haben immer zusammengehalten, uns gegenseitig unterstützt“, sagt Elke Schulz. „Ist jemand in Schwierigkeiten, legen wir zusammen, damit er zum Klassentreffen kommen kann“, sagt Hartmut Hohensee. Es war vor allem die Zeit nach der Wiedervereinigung, als sie häufiger zusammenlegen mussten. 35 Jahre alt waren sie, als die Mauer fiel. Fast alle waren verheiratet, hatten Kinder und in ihren Berufen Fuß gefasst. Nun änderte sich quasi über Nacht ihr komplettes Leben.

          48-Stunden-Schicht auf Güterzügen

          Elke Schulz war 1989 längst zurück in Templin. Nach dem Abitur hat sie in Weimar Veterinäringenieurin studiert, einen Beruf, der neu war, „eine Art Krankenschwester für Tiere“. Viel lieber wäre sie Zahnärztin geworden, doch dazu fehlten ihr zwei Zentimeter. In ihre Bewerbung schrieb sie bei Körpergröße wahrheitsgemäß 1,58 Meter. „Als die Absage mit der Begründung ,zu klein‘ kam, war ich schockiert.“ Die Lehrer rieten ihr zum Lehrerberuf, doch sie hätte ihr Wunschfach Deutsch nur mit Erdkunde kombinieren können, das ihr nicht lag, oder mit Staatsbürgerkunde, das sie nicht wollte.

          Dann also Veterinäringenieurin. Sie ließ sich mit der Zusage locken, damit später Tierärztin werden zu können, doch als sie mit dem Studium fertig war, galt das nicht mehr. In Templin startete Schulz beim Rat des Kreises, Abteilung Veterinärwesen. Sie betreute die Kälberaufzucht einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), war zuständig für 1800 Tiere. Die Arbeit gefiel ihr, in Templin fühlte sie sich wohl. „Ich bin keine Großstadtpflanze.“ Sie bekam eine Tochter, auch ihr späterer Mann brachte ein Kind mit in die Ehe, 1988 kam der gemeinsame Sohn zur Welt. „Unsere Kinder leben alle in der Gegend“, sagt Schulz. Sie sitzt in einer Hollywoodschaukel auf der sonnigen Terrasse ihres kleinen Hauses im Stadtzentrum und schaut auf den exakt geschnittenen Rasen, die gepflegten Rabatten mit blühenden Dahlien und Rosen.

          Merkel (Mitte) 1971 bei einer Mathe-Olympiade

          Hartmut Hohensee wollte gleich nach dem Abi weit weg, er hatte einen Studienplatz in Moskau an der Lomonossow-Universität; in der DDR war das wie ein Ritterschlag. Kurz vor der Abreise wurde sein Pass eingezogen. Die Gründe, sagt er heute, wollte er nie wissen. Auch später nicht, als er in seine Akte schauen konnte. Hohensee ging zur Reichsbahn, lernte Lokschlosser wie sein Vater und arbeitete als Heizer auf einer Dampflok. Ein Jahr lang schob er 48-Stunden-Schichten auf Güterzügen. Danach begann er in Rostock, Medizin zu studieren.

          Plötzlich war die Angela im Fernsehen

          Seine Frau, eine Mitschülerin aus der Parallelklasse in Templin, studierte in Berlin Nahrungsgüterwirtschaft. Als sie einen Job in Dresden bekam, folgte er ihr an die Elbe. Sie fanden eine winzige Zweizimmerwohnung; 1978 kam ihr erster Sohn und zwei Jahre später dessen Bruder zur Welt. Hohensee arbeitete zunächst als Bataillonsarzt bei der Nationalen Volksarmee. „Internist zu werden“, sagt er, „war immer mein Traum.“ Heute hat er eine eigene Praxis für Innere Medizin, modernste Ausstattung, Urkunden der „Boston School of Medicine“ hängen an der Wand.

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