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Mitgliederuntersuchung der EKD : Erosion auf fast allen Ebenen

Als erfreulich bewertet die evangelische Kirche zumindest das überdurchschnittliche Engagement ihrer Mitglieder. Für die in der Kirche besonders aktiven Mitglieder gilt, dass sie eher weiblich als männlich sind, älter als der Durchschnitt, aber auch ein wenig besser gebildet und materieller gesicherter. Und: Sie haben überdurchschnittlich viele Kinder. Mit der Kirchenmitgliedschaft ist ebenso ein leicht überdurchschnittliches soziales Engagement assoziiert. Kirchenmitglieder haben auch ein deutlich größeres Vertrauen in Parteien etwa, vor allem aber: ganz allgemein mehr Vertrauen zu anderen Menschen. Sie sind im Schnitt auch mit Blick auf ihr eigenen Leben zuversichtlicher als Konfessionslose. Die EKD bewertet dies als Hinweis auf das „kulturelles Sozialkapital“, das die Kirchen in die Gesellschaft einbrächten. Hoffnung mit Blick auf die eigene Zukunft saugt die Kirche aus einer Statistik zur Bereitschaft zum Kirchenaustritt: Demnach sagen 73 Prozent der Mitglieder, ein Austritt käme für sie nicht in Frage. Bei der Untersuchung in den Jahren 2002 bis 2004 galt das für 61 Prozent, bei der Erhebung 1992 gar nur 55 Prozent.

Sogar unter den weniger als 30 Jahre alten Mitgliedern ist der Anteil derer, die sich der Kirche hoch verbunden fühlen, von zwei im Jahr 1992 auf nun neun Prozent gestiegen. Allerdings ist im selben Zeitraum auch die Zahl jener Mitglieder gestiegen, die sich der Kirche „überhaupt nicht“ verbunden fühlen und zwar von 15 auf 23 Prozent, was zur Frage führt, ob der evangelischen Kirche zunehmend die „Mitte“ abhanden kommt, die vom EKD-Oberkirchenrat Thies Gundlach pointiert als „mild entspanntes Luthertum“ bezeichnet wird. Wächst also die Zukunft der EKD unter den Evangelikalen heran? Aus den bisher vorgelegten Statistiken lässt sich diese Frage kaum seriös beantworten. Gegen eine solche Annahme spricht allerdings, dass eine buchstäbliches Bibelverständnis unter den ihrer Kirche hoch verbundenen Mitgliedern nur unmerklich stärker verbreitet ist al unter denen mit schwächerer Bindung.

Erosion der Mitgliedschaft

Was kann die Kirche nun mit den Ergebnissen anfangen? Der EKD-„Cheftheologe“ Gundlach gesteht in seiner Interpretation offen ein, dass das nach der letzten Untersuchung durch Wolfgang Huber in seinem Reformprogramm „Kirche der Freiheit“ propagierte Ziel des „Wachsens gegen den Trend“ illusionär war. Inzwischen müsse man von einer „Imagekrise“ der Religion reden, es stehe die „medial prolongierte Einschätzung im Raum, Religion sei bedenklich“.

Mit Ausnahme der Missionshoffnungen hält Gundlach indes im Grundsatz an Hubers Reformprogramm fest, der eine Konzentration der Kirche auf ihren Kern anstrebte und deren Qualität steigern wollte. Die neue Untersuchung scheint ihm darin Recht zu geben. So belegen die Daten, dass Religion vor allem eine Sache des sozialen Nahbereichs ist. So ist für die spätere Kirchenbindung die Sozialisation in Kindheit und Jugend der entscheidende Faktor. Austausch über religiöse Fragen findet kaum über Medien und schon gar nicht über das Internet statt, sondern im Gespräch mit Familie und engen Freunden. Es dominiert die Face-to-face-Kommunikation. Ebenso wird die Kirche nicht als Großorganisation, Landeskirche oder Dekanat wahrgenommen, sondern als Ortsgemeinde, vertreten vor allem und mit überragender Bedeutung durch ihre Pfarrer und wahrgenommen insbesondere bei den sogenannten Kasualien wie Taufe, Trauung und Bestattung. Auch schon in losem Kontakt mit einem Pastor zu stehen, kommt statistisch beinahe einem Garantieschein gleich, dass die betreffende Person in der Kirche bleibt und ihre Kinder taufen lässt.

Stoppen oder gar umkehren lassen wird sich die Erosion der Mitgliedschaft, das ist in Anbetracht der Ergebnisse unabweisbar, auch durch größtes Bemühen nicht. Angesichts der Schubkraft der Säkularisierung erscheint die Gestaltungskraft der Kirche begrenzt. Es dürfte für sie darum gehen, nicht in Defätismus zu verfallen, sondern sich mit kluger Beharrungskraft auf jenen Feldern festzukrallen, auf denen sie nachhaltig Wirkungen erzielen kann. Diese Bereiche liegen nicht erst mit der aktuellen Mitgliedschaftsuntersuchung offen zu Tage. Die bisherige Erfahrung lehrt allerdings, dass es in Teilen der Führung der evangelische Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten.

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