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Claus-Peter Reisch : „Mission-Lifeline“-Kapitän erhält Erich-Kästner-Preis

  • -Aktualisiert am

„Man kann sie nicht ersaufen lassen“:Seenotretter Claus-Peter Reisch erhält für die Rettung zahlreicher Flüchtlinge im Mittelmeer den Erich-Kästner-Preis. Bild: dpa

Claus-Peter Reisch rettete rund 1000 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer vor dem Ertrinken. In seiner Dankesrede appelliert er an die Politik, mehr zu tun, damit sich die Menschen in ihrer Heimat bleiben.

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          Soll er jetzt nach vorn kommen? Claus-Peter Reisch ist sich kurz unsicher, aber dann geht er am Sonntagvormittag im Dresdner Schloss Albrechtsberg auf die Bühne und nimmt den Erich-Kästner-Preis in seine Hände. Wegen des Corona-Hygienekonzepts darf er ihm nicht übergeben werden, das zählt zu den nach wie ungewöhnlichen Neuheiten, die der Pandemie geschuldet sind. Der Sache selbst aber tut das keinen Abbruch: Der Dresdner Presseclub ehrte Reisch für seinen „bedingungslosen Einsatz, um geflüchtete Menschen aus Seenot zu retten sowie sein unbeirrbares Engagement, Politik, Kirche und Gesellschaft für eine humane und europäische Lösung der Flüchtlingsfrage zu gewinnen“.

          Es ist an diesem Sonntag in Dresden die andere Seite, die zu Wort kommt oder vielmehr die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhält. Lange hatte sie Pegida, wo Teilnehmer zu den Flüchtlings-Tragödien im Mittelmeer schon mal von den Veranstaltern unwidersprochen „Absaufen! Absaufen!“ skandieren konnten. Darüber geriet aus dem Blick, dass eine der anfänglich größten Seenotrettungsaktionen für Flüchtlinge im Mittelmeer ebenfalls aus Dresden kam, von dem Verein „Mission Lifeline“, in deren Auftrag Reisch 2018 und 2019 auf dem Mittelmeer kreuzte und in dieser Zeit mehr als 1000 Menschen vor dem Ertrinken rettete. Seinem Schiff war zeitweise das Anlegen in Malta und Italien verwehrt worden; im Juni 2018 hatten ihn die maltesischen Behörden verhaftet und wegen einer angeblich nicht ordnungsgemäßen Registrierung seines Schiffes angeklagt. Nach einem langwierigen Prozess war Reisch erst Anfang des Jahres in zweiter Instanz freigesprochen worden. In Italien jedoch drohen ihm nach wie vor ein Prozess und ein Bußgeld über 300.000 Euro.

          Darüber hinaus erfährt Reisch nach wie vor viel Kritik für sein Handeln. Insbesondere Kritiker der Flüchtlingspolitik werfen ihm vor, Schlepper zu fördern, ja selbst Menschen nach Europa zu schleusen. „Von mir aus kann man über Flüchtlinge denken, was man will“, entgegnete Reisch. „Aber man kann sie nicht ersaufen lassen.“ In seiner Dankesrede hatte er wie zuvor schon in einem Gespräch mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet seine Erlebnisse geschildert und vor allem mit Blick auf Afrika politische Versäumnisse kritisiert. Der Export billiger Lebensmittel nach Afrika zerstöre dort Existenzen und sorge mit dafür, dass Menschen flüchteten. „Es ist mir ein großes Anliegen, dass sich diese Menschen gar nicht erst auf den Weg machen“, sagte Reisch. Er wünsche sich, dass die Politik großen Worten auch Taten folgen lasse und etwa mehr Flüchtlingen erlaube, eine Arbeit oder Ausbildung aufzunehmen, damit sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten.

          Zuvor hatte Michael Kretschmer Reisch ausdrücklich für sein Engagement gedankt, aber auch von einem „riesigen Dilemma“ gesprochen. „Wir können nicht allen Menschen, die in Not sind, helfen“, sagte Kretschmer. „Aber es ist eine vollkommen klare Sache, dass jeder, der zu ertrinken droht, gerettet werden muss.“ Das sei „eine ganz wichtige Aufgabe“, löse aber nicht die große Frage, wie man den Menschen in Afrika eine Bleibe-Perspektive schaffe. Afrika sei zuvörderst eine europäische Aufgabe, so Kretschmer. Reisch, der sich selbst als konservativ bezeichnet, hatte Anfang des Jahres angekündigt, keine Einsätze mehr auf dem Mittelmeer zu fahren. Seinen Preis widmete er den Rettern, die nach wie vor auf See unterwegs sind. Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro verdoppelte Reisch und spendete es zu je einem Drittel an drei Dresdner Initiativen, die sich für ein gutes Miteinander zwischen Einheimischen und Flüchtlingen einsetzen.

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